Inflations-Spitzenreiter: Im Nachbarland Tschechien macht nur der Bierpreis Hoffnung

Prag. Die Deutschen stöhnen über steigende Preise. Doch im Vergleich zu den Tschechen sind sie noch gut dran. Bei den Nachbarn schlägt die Inflation derzeit europaweit alle Rekorde.

Im urigen Prager U Fleků, ein 1499 gegründetes Prager Brauhaus (Křemencova 11). Den jetzigen Namen erhielt es im Jahre 1762, als Jakub Flekovský das Brauhaus kaufte. Bild: Jürgen Herda

Eine Kneipe mit Garten im Prager Stadtteil Nusle, in dem Tschechen unter sich sind: Als der Kellner das von einem Eigelb gekrönte und von sauren Gürkchen und Kapern gezierte Rinder-Tatar bringt, beginnen Karels Augen zu leuchten.

Sorgsam bugsiert er mit Messer und Gabel kleingehackte Zwiebel- und Knoblauchstückchen auf die Masse, salzt vorsichtig und lässt Pfeffer aus der Batterie betriebenen Mühle auf das Ganze rinnen. Dann vermengt er alles mindestens fünf Minuten lang immer und immer wieder und probiert dann.

Zufrieden mit dem Geschmackserlebnis, greift er zu einer der noch warmen, gerösteten Brotscheiben, reibt sie mit einer Knoblauchzehe ein, bestreicht sie dick mit dem Tatar und drückt ein paar Kapern in das Rindshack.

„Ich liebe es“, sagt der Mittvierziger und beißt genüsslich in das kulinarische Kunstwerk hinein. „Aber ich gönne es mir nur noch selten. Tatarak, wie wir Tschechen dazu sagen, ist alles andere als billig, weil es aus Rinderfilet gemacht wird. Das können sich immer weniger Leute einfach mal so leisten.“

Tschechen und Bayern lieben das Deftige: Geräucherte Mährische auf dem Choden-Fest in Domažlice. Bild: Jürgen Herda

Wenn die Leibspeise Luxus wird

Karel hat an diesem Abend lange überlegt, ob er sich sein Lieblingsessen überhaupt kommen lässt. Dabei gehört er eindeutig zu den Besserverdienenden unter den Tschechen. Er arbeitet als Vertreter für einen großen deutschen Pharmakonzern. Seine geräumige Dreizimmer-Wohnung in einer hübschen Mini-Siedlung im benachbarten Stadtteil Michle, von der aus er auf den quirligen Botič-Bach auf dessen Weg in die Moldau sehen kann, hat er abbezahlt. Er wohnt dort nach seiner Scheidung allein. Karel hat bei all dem Glück gehabt. Als er seine Wohnung kaufte, kostete die etwa 4 Millionen Kronen (160.000 Euro). Heute, zehn Jahre später, würde sie das Doppelte kosten.

Wer jetzt in dem Viertel seinen Kredit abbezahlt, muss vor allem wegen der massiv gestiegenen Zinsen, die die Nationalbank zur Bekämpfung der galoppierenden Inflation hochschraubt, tiefer und tiefer in die Tasche greifen.

„Seit Jahresbeginn hat der Möbelwagen bereits zweimal in unserem Viertel gehalten, weil Leute, die sich als sichere Eigentümer wähnten, ihren Kredit nicht mehr bedienen konnten. Sie mussten ihre Traumwohnung räumen.“ Tschechen besitzen prozentual sehr viel häufiger Wohneigentum als Deutsche. Jetzt ist es im Nachbarland plötzlich günstiger, sich eine Mietwohnung zu suchen. 

Auch Brot wie dieser Laib im Pilsener Bio-Laden von Iveta Churavá ist teuer geworden. Bild: Jürgen Herda

Keiner spricht mehr vom Urlaub

Petr, der Wirt, hat nicht so viel zu tun an diesem Abend, setzt sich an den Tisch und erzählt: „Früher haben die Stammgäste bei mir um diese Jahreszeit darüber philosophiert, wohin sie in den Sommerurlaub fahren sollen.“ Darüber spreche heute keiner mehr. Alles drehe sich nur noch ums liebe Geld. „Die Leute sind schockiert über die Preise, egal wofür.“ Die Inflationsrate liegt derzeit bei 14,2 Prozent. Das ist europaweit Spitze. „Der Trend geht weiter nach oben. Alles wird exorbitant teurer. Der übliche Urlaub in Kroatien, Italien oder Spanien ist für viele in weite Ferne gerückt.“ 

Wie die Teuerung bei Lebensmitteln aussieht, erlebe ich in meinem nächstgelegenen Supermarkt, einer deutschen Kette. Mittwoch hefte ich mich an die Fersen von Marketa Novotná, einer 70-jährigen Seniorin, die im Monat mit der tschechischen Durchschnittsrente von 12.500 Kronen (500 Euro) auskommen muss. Lediglich 3.000 Kronen davon zahlt sie für die Miete, weil sie glücklicherweise eine Wohnung mit Preisbindung hat. 4.200 Kronen für Gas, Wasser und Heizung, 1.500 Kronen für das Mobiltelefon. Der Rest geht für Lebensmittel drauf. Deshalb kauft Frau Novotna nur einmal in der Woche ein, mittwochs, weil es da in ihrem Supermarkt preisgünstige Angebote gibt.

Luxusgut Obst und Gemüse wie hier in einem Lebensmittelgeschäft im nordmährischen Nový Jičín. Bild: Jürgen Herda

Mehl um 50 Prozent teurer

Doch mit den Angeboten ist es an diesem Tag nicht weit her. Im Vergleich zum Mai des Vorjahres ist in Tschechien nahezu alles massiv teurer geworden. Im Durchschnitt um ein Drittel. Besonders heftig sind die Preise bei Grundnahrungsmitteln gestiegen: bei Mehl um 52,3 Prozent, bei Butter um 32,6 Prozent, bei Zucker um 25,5 Prozent, bei Brot um 20,3 Prozent, bei Kartoffeln um 19,2 Prozent, bei Eiern um 14,2 Prozent und bei Fleisch um 11 Prozent. Die Preise für frisches Obst und Gemüse haben etwas nachgegeben, nachdem die Steigerung im Frühjahr etwa bei Tomaten und Paprika bei sagenhaften 100 Prozent gelegen hatte.

„Obst und Gemüse kaufe ich überhaupt nicht mehr, Fleisch nur fürs Wochenende, wenn es im Angebot ist“, sagt die alte Dame, die beim Kopfrechnen noch sehr fit ist und unterwegs schon weiß, was sie an der Kasse bezahlen muss. „Samstag und Sonntag brate ich mir jeweils eine Hühnerkeule.“ Mit Rosmarin und Knoblauch, dazu jeweils zwei Kartoffeln mit etwas zerlassener Butter. „Eigentlich hatte ich mal wieder Appetit auf ein Gulasch, aber das Fleisch ist mir einfach zu teuer.“ Abends esse sie gern mal sauren Fisch, sie habe sich für die Woche zwei Rollmöpse gekauft.

„Die Salate sahen lecker aus, aber die übersteigen mein Budget.“ Ansonsten hätte sie sich keinen Kaffee kaufen können. „Doch ohne den am Morgen komme ich gar nicht in Gang.“ Wenn alles gut laufe, könne sie jeden Monat immer noch rund 100 Kronen für ihre Enkeltochter Eva sparen, sagt Frau Novotná. „Am Geburtstag, am Namenstag und zu Weihnachten kann ich schließlich nicht mit leeren Händen dastehen.“ 

Regierung versucht, die Preise zu deckeln

Die liberalkonservative Regierung von Premier Petr Fiala bemüht sich, die Teuerungen namentlich für die besonders Betroffenen, für Rentner und Alleinerziehende, zu deckeln. Aber nur mit mäßigem Erfolg. Zum einen will sie sich von Andrej Babiš‘ Vorgängerregierung absetzen, die die Senioren als wichtige Wählergruppe vergleichsweise hätschelte und dabei Schulden machte. Bei Fiala sollen die Rentner im Oktober eine, angesichts der Teuerung kaum spürbare Rentenerhöhung von 700 Kronen erhalten.

Für die Ärmeren der Gesellschaft hatte sie Anfang des Jahres schon einmal eine Summe von 5.000 Kronen bewilligt, die jedoch auch Leute betraf, die auch ohne diese warme Gabe leben konnten. Und zum anderen musste das Geld umständlich beantragt werden, was vielen Rentnern schlichtweg zu kompliziert war. Die arbeitende Bevölkerung kann die Teuerung derzeit noch einigermaßen wegstecken.

Viele wissen allerdings nicht, was sie am Ende des Jahres für Strom, Gas und Wasser nachzahlen müssen. Sie legen sicherheitshalber so viel zurück, wie sie können. Mehrere Strom- und Gasversorger gingen in den letzten zwölf Monaten Pleite. Die großen Versorger nahmen die neuen Kunden zwar liebend gern auf, allerdings zu deutlich ungünstigeren Konditionen. Zu den Großkopferten gehört auch der halbstaatliche Energiegigant ČEZ, der fette Gewinne macht, aber aus unerfindlichen Gründen nicht zur Kasse gebeten wird, um die Nöte seiner Neukunden zu lindern.

Die Preise in Tschechien sind für viele nur noch mit schwejkschem Humor zu ertragen. Bild: Jürgen Herda

Ex-Präsident Klaus hetzt gegen Ukraine-Flüchtlinge

Perfide ist unter den genannten Umständen, dass es einflussreiche Leute in Tschechien gibt, die den erwähnten Krieg und die Flucht von derzeit etwa 300.000 Ukrainern nach Tschechien missbrauchen, um Unfrieden zwischen Tschechen und den zeitweiligen Neuankömmlingen zu säen.

Zu denen gehört an vorderster Front der frühere Präsident Václav Klaus, der eine üble Neiddebatte angestoßen hat. In einem Zeitungsbeitrag, aber auch in zahlreichen Interviews in anderen Medien, wettert er gegen die Großherzigkeit der Regierung und der Masse der Tschechen gegenüber den Kriegsflüchtlingen.

Wie alle „Massenmigranten“ seien die Ukrainer nur darauf aus, ihr bisheriges Leben „unter besseren materiellen Bedingungen“ in Tschechien fortzusetzen. Klaus spricht wie in Deutschland die AfD von einer gezielten „Umvolkung“. Das kommt bei vielen Tschechen, die derzeit unter der horrenden Inflation leiden, gut an, verdüstert deren Stimmung noch zusätzlich und schürt Ressentiments gegen die Ukrainer.

Hoffentlich ist das Pilsener künftig nicht nur im Museum zu finden. Bild: Jürgen Herda

Trostpflaster: Bierpreis bleibt stabil

Zurück in die Gartenkneipe in Prag-Nusle: Karel hat sein Tatar verdrückt und sich noch ein Bier bestellt. Bier gehört zu den wenigen Dingen, die derzeit in Tschechien tatsächlich billiger als früher zu haben sind. Minimal billiger, korrekt gesagt, um durchschnittlich zwei Kronen für den halben Liter. „Immerhin, es wird nicht alles teurer“, flachst Karel.

„Bier gehört bei uns ja bekanntlich auch zu den Grundnahrungsmitteln. Wäre doch prima, wenn das Bier jetzt zum Trendsetter wird und alle anderen Preise ebenfalls sinken würden.“ Kneipenwirt Petr, der sich selbstverständlich vor allem um seinen Umsatz sorgt, antwortet darauf vorsichtshalber nicht. Er grinst nur ebenso viel- wie nichtssagend über das ganze Gesicht.

Tschechien ist Inflations-Europameister. Grafik: Eurostat

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