50 Jahre SOS-Kinderdorf: Heimat für leidgeprüfte Seelen

Immenreuth. Das SOS-Kinderdorf Oberpfalz in Immenreuth feiert am 1. Juli einen besonderen Geburtstag. Die Einrichtung wird 50 Jahre alt. Das Jubiläum ist für viele Betroffene wahrlich ein Grund zur Freude, sind SOS-Kinderdörfer doch für viele Mädchen und Buben oft die letzte Rettung. Wie zum Beispiel für Tim und Marius. 

Von Udo Fürst

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Holger Hassel und Kinderdorfmutter Rita K. mit zwei ihrer „Kinder“. Foto: Udo Fürst.

In SOS-Kinderdörfern finden viele eine neue Familie und eine neue Heimat. Fast 900 Kinder wuchsen seit 1967 in Immenreuth auf, nachdem dies bei ihren Eltern aus verschiedenen Gründen nicht mehr möglich war. Tim (3) und Marius (6, alle Namen geändert) sind die jüngsten Neuzugänge im Kinderdorf. Die Brüder kommen aus einer Familie, in der Alkohol und Drogen an erster Stelle standen. Die Eltern waren mit der Erziehung ihrer insgesamt drei Kinder völlig überfordert und so verfügte das Jugendamt die Aufnahme der zwei Buben in einer Kinderdorffamilie. Schon nach wenigen Wochen blühten die anfangs verschüchterten Jungs sichtlich auf und mittlerweile haben sie in ihrer Kinderdorfmutter und ihren drei „Geschwistern“ eine neue Familie, ein neues Zuhause gefunden. „Wie Tim und Marius geht es vielen Kindern, die mit sehr unterschiedlichen Erfahrungen und Lebensgeschichten zu uns kommen“, weiß Kinderdorfleiter Holger Hassel. Eine der Kinderdorfmütter ist Ruth K. „Sie lebt mit den Kindern in einem Haus, gestaltet mit ihnen den Alltag und vermittelt ihnen Schutz, Geborgenheit, Vertrauen und Orientierung.“

Der Alltag von SOS-Kinderdorfmüttern unterscheidet sich kaum von dem anderer Eltern. Sie leben mit den Kindern zusammen und gestalten das gemeinsame Leben nach eigenen Vorstellungen. Wenn die Kinder aus der Schule kommen gibt es Mittagessen, danach helfen sie bei den Hausaufgaben, sie spielen und basteln, lesen Gute-Nacht-Geschichten und stehen in allen Lebenslagen mit Rat und Tat zur Seite.

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Der Küchendienst gehört zum täglichen Ablauf in einer Kinderdorffamilie. Foto: Geuter.

Tim (3): „Es ist schön hier“

Acht Familien mit insgesamt 41 Kindern und Müttern leben derzeit im Kinderdorf am Rand der Gemeinde. Im Herbst kommt eine neunte Familie mit sechs Mitgliedern dazu. Die schmucken Häuschen im Grünen sind umgeben von Bäumen und Wiesen, am südöstlichen Ende begrenzt ein kleines Bächlein das Gelände. Zäune sucht man hier vergebens. „Wir sind ja keine geschlossene Gesellschaft, sondern ein offenes Dorf“, sagt Hassel. Die Bewohner können Spielplätze, einen Sportplatz und weitere Freizeiteinrichtungen nutzen. „Es ist schön hier“, sagt Tim und kuschelt sich an seine „Mama“. Der Junge ist etwas zappelig, strahlt aber über beide Ohren, geht es doch gleich ins Freibad.

Die Kinderdorffamilien sind nicht die einzige Einrichtung auf dem weitläufigen Grundstück, das die ortsansässige Unternehmerfamilie Trassl/Sieber vor gut 50 Jahren spendete. Heute ist das SOS-Kinderdorf ein Verbund von ambulanten, teilstationären und stationären Jugendhilfeangeboten. Die Betreuung in den Kinderdorffamilien bietet Kindern und Jugendlichen eine in der Regel längerfristig angelegte Lebensgemeinschaft außerhalb ihres Elternhauses. Auf dem Gelände befinden sich zudem drei Wohngruppen, davon eine mit unbegleiteten jungen Flüchtlingen, in denen insgesamt neun Erzieher(innen) und ein(e) Praktikant(in) Schichtdienst tun. Organisatorisch angegliedert ist eine Wohngruppe in Bayreuth. In den Wohngruppen werden Kinder im Alter von zwei bis 15 Jahren kurz- oder mittelfristig betreut. Ziel hier ist es, die Kinder wieder dauerhaft in ihre Familien zurückzuführen. Insgesamt leben zurzeit knapp 100 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene im SOS-Kinderdorf.

Möglichst normales Leben

Diplom-Sozialpädagoge Holger Hassel ist seit 2005 im Haus, vor zwei Jahren wurde ihm als Nachfolger von Alfred Schuster die Leitung übertragen. Der 42-Jährige kennt alle Bewohner beim Namen, wird von allen freundlich gegrüßt als einer der ihren. Auf einer Wiese spielen drei Jungs Fußball, Hassel macht kurz mit, lässt sich den Ball durch die Beine spielen und sagt lachend: „Mit euch kann ich nicht mehr mithalten.“ Wenige Meter weiter erzählt ihm ein Mädchen aus einer Wohngruppe freudestrahlend von ihren Bildern, die sie gemalt hat. „Die Kinder und Jugendlichen sollen bei uns ein möglichst normales Leben führen. Sie gehen in den Kindergarten und in die Schule, sind in Vereinen aktiv und absolvieren eine Ausbildung“, schildert Hassel.

Einmal im Monat dürfen die Eltern ihre Kinder in Immenreuth besuchen. Manche Eltern wollten das aber gar nicht. Leider gebe es auch immer wieder solche, die den Kontakt nahezu komplett vermeiden.

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Die Kinder fühlen sich in ihren neuen Familien außerordentlich wohl. Foto: Geuter

Jubiläumsfest ist Familienfest

Nicht zuletzt ist das SOS Kinderdorf auch ein bedeutender Arbeitgeber. Mehr als 60 Erzieherinnen, Heilerziehungspflegerinnen, Sozial- und Heilpädagogen(innen), Reinigungskräfte und Hausmeister sind hier beschäftigt. Sie alle sind natürlich dabei, wenn am Samstag, 1. Juli von 10 bis 17 Uhr ein großes Familienfest gefeiert wird. Ein buntes Programm soll für beste Stimmung und Unterhaltung bei Groß und Klein sorgen. Dabei wird vielleicht manch einer an die Worte des Gründers der SOS-Kinderdörfer, Hermann Gmeiner denken, der einst sagte: „Ich weiß nichts Besseres, als einem Kind zu helfen.“

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