Alltag bei den Soldatinnen in Weiden

Weiden. Heute ist GirlsDay in der Oberpfalz. Ein guter Grund, mal bei einer Berufsgruppe nachzufragen in der Frauen noch immer in der Minderheit sind. Erst seit 2001 können auch Frauen eine Laufbahn bei der Bundeswehr anstreben. Mittlerweile gibt es etwa 19.000 Soldatinnen bei der Bundeswehr – 42 sind in der Kaserne in Weiden stationiert. 

Von Yvonne Sengenberger

Zu ihnen gehören auch Stabsunteroffizier Cindy Böhner, Hauptfeldwebel Jennifer Morwinsky und Oberleutnant Claudia K..Alle drei gehören zum Artilleriebataillon 131 in Weiden und jede von ihnen arbeitet in einem anderen Aufgabenfeld. Wir haben die drei zum Interview getroffen und wollten wissen, wie ist das Leben beim Bund, wie ist es als Frau dort zu arbeiten und was macht man da eigentlich? Oberleutnant Ronny Schubert, Presseoffizier des Bataillons, vertritt die Männer in unserem Gespräch.

GirlsDay Frauen Bundeswehr Weiden
Uns erzählten Oberleutnant Ronny Schubert, Oberleutnant Claudia K., Hauptfeldwebel Jennifer Morwinsky und Stabsunteroffizier Cindy Böhner (von links) von ihrem Alltag bei der Bundeswehr

OberpfalzECHO: Eine leichte Frage zuerst: Wie findet ihr denn unser schönes Weiden?

Claudia K.: Ich mag Weiden. Es ist meiner Heimatstadt Dresden ziemlich ähnlich mit der historischen Altstadt und dem Stadtkern. Es macht mir Spaß hier zu arbeiten.

Jennifer Morwinsky: Ja, das finde ich auch. Es gibt außerdem einige Freizeitmöglichkeiten und ich finde die Cafés hier ganz schön. Außerdem gefällt mir, dass Weiden nicht so groß ist und man aber trotzdem auch schnell in Regensburg oder München ist.

Cindy Böhner: Außerdem ist Weiden heimatnah – also für mich. Ich komme aus Bayreuth.

Wieso habt ihr euch überhaupt für eine Karriere bei der Bundeswehr entschieden?

ClaudiaIch bin seit Juli 2006 dabei. Für mich war es einfach reizvoll, weil es ein abwechslungsreicher und fordernder Beruf ist. Man hat viel Verantwortung. Und ich denke, dass unsere freiheitliche Grundordnung durchaus verteidigungswürdig ist.

Cindy: Für mich war meine Ausbildung zur Fertigungsmechanikerin einfach nicht das Richtige. Um mich weiterzuentwickeln habe ich nach Alternativen für die Zukunft gesucht. Viele meiner Freunde sind auch bei der Bundeswehr. Deshalb habe ich gedacht, das ist etwas ganz anderes, hier kann ich mich weiterbilden.

Jennifer: Ich bin Personalfeldwebel – also in der Personalabteilung tätig. Und selbst hier im Büro ist es abwechslungsreicher, als in normalen Büros. Denke ich. Außerdem fand ich Uniformen schon immer toll (lacht).

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Wie hat denn euer Umfeld auf diese Entscheidung reagiert? Und wie verhalten sich andere Leute, wenn sie erfahren, dass ihr bei der Bundeswehr seid?

Claudia: Ach, da gibt es solche und solche Reaktionen.

Jennifer: In Weiden sind die Leute immer nett. Hier kann man auch mal in Uniform einkaufen gehen. Negative Erfahrungen habe ich noch keine gemacht.

Wie ist es mit den Jungs hier so?

Cindy: Naja, wie überall: Man versteht sich ja nie mit jedem gleich gut. Aber unter Kameraden ist der Zusammenhalt anders, als unter Kollegen oder mit Freunden. Man verbringt bewusst mehr Zeit miteinander, auch nach Dienstschluss.

Claudia: Also ich habe während meiner zivilen Ausbildung öfter blöde Sprüche über Frauen gehört als bei der Bundeswehr. Und wie Cindy schon sagt, Kameradschaft ist auch anders als Kollegen-Sein. Man erlebt andere Dinge miteinander und hilft jedem, wenn es nötig ist.

Ronny: Genau. Der Unterschied ist nämlich, eine Kameradschaft wird befohlen. Das heißt, selbst wenn man jemanden nicht leiden kann, wird man ihm trotzdem aus der Patsche helfen. Wenn aber aus Kameraden auch noch Freunde werden, dann sind das meistens Freunde für’s Leben. Man würde alles füreinander tun.

Man hört ja oft, wie anstrengend und nervenaufreibend die Grundausbildung ist. Und viele denken, danach langweilt ihr euch. Was ist da dran?

Cindy: Also mein Arbeitstag könnte gut und gerne vier bis fünf Stunden mehr haben. (lacht) Ich bin ja für den Kran verantwortlich, kümmere mich um die Instandsetzung von Waffen und um Reparaturen. Aber es stimmt schon, die Grundausbildung ist nicht ohne. Da ich schon eine Ausbildung hatte, musste ich danach „nur“ noch zum Unteroffizierslehrgang. Der dauert vier Wochen.

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Cindy kümmert sich unter anderem um die Bedienung, Instandsetzung und Reparatur dieses Krans

Claudia: Ja, bei der Grundausbildung wird man nicht mit Samthandschuhen angefasst. Aber das braucht man als Soldat auch. Im Ernstfall muss man ja wissen, dass man weit über seine Grenzen hinausgehen kann. Die Belastungen, denen man hier ausgesetzt ist, wie 20 Kilometer mit schwerem Gepäck marschieren, das macht so nicht jeder. Man lernt auch, dass man nicht von jedem bisschen Anstrengung gleich umfällt. Ich habe während der Ausbildung so viele gute und schlechte Sachen erlebt, aber im Nachinein lacht man darüber.

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Claudia ist verantwortlich für die Panzerhaubitze 2000 und führt in Ihrem Zug insgesamt 36 Soldaten.

Jennifer: Ja, ich wusste es wird anstrengend. Aber wenn man es dann im Nachhinein betrachtet war das auch gut so. Man merkt: „Hey, ich bin ja gar nicht so schwach, wie ich gedacht habe!“

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Jennifer (Mitte) hat als Personalfeldwebel die Akten und Unterlagen von 134 Soldaten im Griff.

Hattet ihr das Gefühl, ihr müsstet den Jungs beweisen, dass ihr das genauso gut könnt? Oder denkt ihr, es gibt sogar etwas bei der Bundeswehr, das Frauen einfach besser können?

Cindy: Ehrlich gesagt hat mich das durch die Grundausbildung gebracht: Ich wollte vor den Männern nicht aufgeben!

Jennifer: Ja, das ist schon ein Ansporn an einen selbst. Was wir besser können? Ich glaube Frauen sagen vielleicht eher, was sie stört…

Ronny: Ich denke Frauen sind vielleicht ein bisschen besser im Umgang mit Menschen. Ansonsten können wir alles gleich gut. Der Umgangston ist feinfühliger geworden, denke ich. Es werden weniger Frauenwitze gemacht (lacht) und nicht mehr nur herum geschrieen, seit es Frauen bei der Bundeswehr gibt. Sie sind eine Bereicherung für die Bundeswehr.

Wenn ihr die aktuelle politische Situation anschaut, mit den vielen Flüchtlingen, den Auseinandersetzungen in Syrien und dem Krieg, bekommt ihr da keine Angst?

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Die Soldaten im Hintergrund unterstehen dem Kommando von Claudia. Sie ist als Offizier die Ranghöchste der drei Frauen.

Jennifer: Ich war letztes Jahr im Auslandseinsatz im Kosovo und habe mich neben dem Personalgeschäftzum Beispiel um die Versorgung der anderen Soldaten und die Verteilung von Briefen und Paketen gekümmert. Angst hatte ich keine. Auf solche Einsätze werden wir ja vorbereitet.

Claudia: Ich verfolge schon was so los ist. Aber ich mache mir darüber keine Gedanken. Hätte ich Angst davor, würde das meinen Alltag bestimmt ganz schön behindern.

Ronny: Ich lasse das nicht an mich heran. Erst wenn es mich direkt betrifft.

Cindy: Ich überlege schon, was ich machen würde. Aber ich wäre sowieso eher im Hintergrund. Die Artillerie hat ja Geschütze, die Kilometer weit reichen. Da müssen wir uns denke ich keinen Kopf machen. Meine Familie macht sich da mehr Sorgen, als ich.

Claudia: Das stimmt. Und wenn es so ist, dann ist es eben so. Alles eine Frage der Perspektive.

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Würdet ihr jungen Mädchen eine Karriere bei der Bundeswehr empfehlen?

Claudia: Wenn man weiß, dass man mit den Strukturen zurecht kommt, auf jeden Fall. Die Ausbildung hier bietet so viele Möglichkeiten. Wenn eine solche Hierarchie nichts für einen ist, oder man blöde Sprüche von Kameraden nicht verkraftet, dann nicht. Aber ich kann euch sagen, ich habe auch schon drei Jahre in einer Werkstatt gearbeitet, da war das Gerede von den männlichen Kollegen schlimmer. Wenn du zum Bund willst, solltest du dich aber auf jeden Fall vorher gut informieren. Ich habe viel im Internet recherchiert und einen Truppenbesuch gemacht. Über das Karrierecenter der Bundeswehr kann man zum Beispiel Praktika machen.

Cindy: Ich finde, man sollte sich vorher ganz genau Gedanken machen. Und eine zivile Ausbildung schadet auf jeden Fall auch nicht. Da ist es dann leichter nach den acht Jahren Bund wieder in „normale“ Berufe zurückzufinden.

Jennifer: Wenn man vorher genau weiß, was man machen will, dann auf jeden Fall.

Ronny: Es wird immer schwieriger guten Nachwuchs zu generieren. Es gibt leider viel zu wenig Einblick in die Bundeswehr. Die jungen Leute wissen teilweise gar nicht was sie hier erwartet. Deswegen nehmen wir ja zum Beispiel auch am GirlsDay teil.

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