Bekannte Fremde: Ausstellung zweier Arbeiterkinder aus Altenstadt und Derby

Regensburg. In der Ausstellung „Familiar Strangers“ zeigt der Regensburger Kunstverein GRAZ Arbeiten des Altenstädter Künstlers Jürgen Huber. Ergänzt durch Arbeiten aus dem Nachlass von Kevin Coyne, die der Weidener Kulturenthusiast Stefan Voit kuratiert.

Der Altenstädter Künstler Jürgen Huber, dessen Schönseer Pudels Kern und Stefan Voit, Kurator des Nachlasses von Kevin Coyne. Bild: Peter Geiger

Von Peter Geiger

Regensburg. Um Worte ist Jürgen Huber – bis 2020 war der Grünen-Politiker Bürgermeister der Stadt Regensburg – nie verlegen. Beim Auftakt der Ausstellung „Familiar Strangers“ legt er in gewohntem Duktus los und beansprucht den Begriff des „Herzeige-Wesens“ ebenso wie den Gestus der „Selbstermächtigung“, wenn er von seinen kreativen Impulsen spricht und von denen des Kevin Coyne.

Zwei Arbeiter-Künstler

Für gewöhnlich würde man jetzt eher die Unterschiede betonen, zwischen dem 2004 verstorbenen britischen Blues- und Rocksänger Kevin Coyne (nach Mike Oldfield war er der zweite Künstler, der von der Plattenfirma Virgin unter Vertrag genommen wurde), und dem quicklebendigen Jürgen Huber (der einst den GRAZ e.V. gründete, um die Kulturhauptstadtbewerbung Regensburgs entsprechend zu beflügeln), der mittlerweile ein Bauernhaus in Schönsee an der Grenze zu Böhmen bewohnt.

Weil die schlichte Tatsache, es mit zwei Künstlern zu tun zu haben (beide entstammen sie, wie Jürgen Huber nicht müde wird, zu betonen, der Arbeiterklasse), die Papier mit bunter Farbe zu bemalen, einfach noch keine frappierende Gemeinsamkeit darstellt.

Bekannte Fremde

Der Titel der Ausstellung freilich ist klug gewählt: Ins Deutsche übersetzt meint diese von dem US-Psychologen Stanley Milgram geprägte Formel jene Menschen, die einem zwar tagtäglich auf dem Weg zur Arbeit oder beim Einkaufen begegnen, mit denen man aber noch nie ein Wort gewechselt hat. Zumindest Jürgen Huber, der immer ein weit geöffnetes Ohr hatte für den Rock und den Punk und den Jazz seiner Zeit, bedeutet dieser Kevin Coyne schon seit Jahrzehnten sehr viel, nicht nur, weil Huber 1986 in London bei einem „Studienaufenthalt“ den Swing der Metropole atmete.

Mit Stefan Voit aus Weiden, dem Nachlassverwalter von Kevin Coyne, ist er schon ein halbes Leben lang eng befreundet. Voit lernte vor zehn Jahren die Coyne-Witwe Helmi kennen und nimmt seither seinen Auftrag, den Nachruhm des Multitalents aus Derby zu mehren, sehr ernst. Die Kombination der Arbeiten von Jürgen Huber und Kevin Coyne ist tatsächlich reizvoll. Denn Kevin Coyne arbeitete, nachdem er von London kommend in Nürnberg gestrandet war und seine Schiffbruchsphase überwunden hatte, strukturiert wie ein Beamter. „Das, was in seinem Kopf alles los war, das musste er wieder loswerden!“, sagt Voit, und spricht von den Dämonen, die Kevin Coyne zeitlebens plagten. Dass er dafür witzige und karikaturenhafte Formate fand, erfreut die Betrachter dieser aus dem schier endlosen Nachlass geschürften Arbeiten.

Gelegenheit zur Zwiesprache

Jürgen Huber wiederum wirkt befreit, seit er die Mühen des politischen Alltags abstreifen konnte und sich wieder ganz und gar seiner Kunst widmen darf. Hier, in der Oberen Bachgasse im GRAZ, stellt er ausschließlich neue, farbversessen-expressive Arbeiten aus: Das sind gestapelte Köpfe, die in alle Richtungen schauen. Häuser, denen Arme entwachsen. Oder Menschenkörper, die auf Podesten stehen.

Sein Antrieb ist es, das, was er ausdrücken möchte, darzustellen und seine Kunst in Korrespondenz treten zu lassen, mit der von Kevin Coyne. Gleichzeitig will er Gespräche anregen, mit und unter den Ausstellungsbesuchern. Am Freitag, 10. Juni, ab 19 Uhr, gibt es erneute Gelegenheit zur Zwiesprache: Jürgen Huber stellt im GRAZ den Band „Die Gedichte stehen zwischen den Zeilen“ (erschienen im Gisela-Verlag) vor. Herausgeber sind Stefan Voit und Gisela Bender. Der Band zeigt nicht nur Bilder und Gedichte von Jürgen Huber, sondern auch solche von Kevin Coyne.

Kunstverein GRAZ: Was soll denn das heißen?

Natürlich will avancierte Kunst das immer: Veränderungen dokumentieren, Metamorphosen abbilden. Und im besten Fall sogar: Dem Unsteten ein Denkmal errichten. Überhaupt: Sämtliches Handeln im Namen des Wandels vollziehen. Insofern ist also schon allein der Name dieses Kunstvereins, ist GRAZ sprechendes Kürzel dieser Verpflichtung.

Jürgen Huber, Gründungsmitglied, langjähriger Vorsitzender und bis heute Spiritus Rector der Gruppe, definiert deshalb kurz und bündig: „GRAZ war immer in Bewegung. Weshalb GRAZ am Anfang etwas anderes war, als es heute ist!“ Auch wenn man es aufgrund der vier Großbuchstaben mutmaßen könnte: GRAZ ist kein Akronym!

GRAZ steht also nicht für eine etwaige „Gruppe Regensburger Aktionskünstler auf Zeit“ und auch nicht für einen „Grandiosen repetitiven Attraktionen-Zirkus“. Nein. Der Verein bezog seinen Namen ganz profan von einem Hinweisschild in der Ladehofstraße am ehemaligen Regensburger Güterbahnhof: Hier waren lange Jahre Lkw zur Verladung in die steiermärkische Landeshauptstadt Graz abgefertigt worden.

Nach der Auflassung bezogen Musiker, Schriftsteller, bildende Künstler, insgesamt eine mehr als 20-köpfige Gruppe also, zwischen den Gleisen ein Verwaltungsgebäude des Zolls. Auch darin offenbart sich das Wandelbare und Wandlungsfähige: Dass der Kunstbegriff, dem man sich bis heute verpflichtet fühlt, kein Genre-Abgrenzungsprojekt darstellt. Sondern dass Kunst so offen wie möglich gedacht wird, so grenzüberschreitend, wie es nur geht.

Wenn man so will: In diesem Akt der Inanspruchnahme einer Industriebrache wurde ästhetisches Potenzial freigelegt. Und ganz nebenbei hielt auch die alte Sponti-These, dass sich unter hartem Pflasterstein doch immer irgendein südlicher Strand befindet, dem Realitäts-Check stand. Aus der kalten Funktionalität eines abgewickelten Metallschildes hatte der Kunstverein GRAZ seine Lebensfunken geschlagen.

Diese Funken waren es auch, die Jürgen Huber sogleich in die europäische Kulturhauptstadt des Jahres 2003, nach Graz eben, trug. Als „friendly aliens“ traten die GRAZer in Graz auf, als Botschafter der damaligen Regensburger Bewerbung um das Kulturhauptstadt-Projekt.

„Das sorgte natürlich für eine unglaubliche Publizität!“ Und beflügelte GRAZ weiter, durch die Brückenadler-Ausstellung ebenso wie das Romantik-Projekt. „Von der Attitüde her traten wir immer vollmundig auf und formulierten gern die existenziellen Fragen: Darf man einen alten Nazi-Adler, nachdem er jahrzehntelang präsent war, einfach so entsorgen? Wie passiert das, dass aus dem ehemals alten Graffel in der Altstadt plötzlich Weltkulturerbe entsteht?“

Der Tod von Wolfgang Grimm im Jahr 2007 sorgte für eine komplette Neuorientierung: GRAZ häutete sich, verließ sein angestammtes Areal und bezog in der Altstadt im Hinterhof der Schäffnerstraße 21 sein neues Gebäude. Auf der GRAZ-Homepage (www.kunstverein-graz.de) steht zu lesen: „Wer uns kennenlernen will, der sollte vorbeikommen. Unsere lauschige Loggia befindet sich in einem mediterran anmutenden, handwerklich geprägten Hinterhof.“

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