Weidener Jugend mit Jack Kerouac „On The Road“

Eine sehr persönliche Begegnung unseres Kolumnisten Stefan Voit mit dem Godfather der Beat Generation zu dessen 100. Geburtstag

Weiden. Über meinem Fenster hängt der blaue Himmel, keine Wolke will vorüberziehen, die Frühlingssonne blinzelt für einen Augenblick herein. Der Krieg ist nach Europa zurückgekehrt und ein einsamer Diktator möchte sich wieder ein Großreich erschaffen, das kein Mensch mehr will. Vielleicht könnte so eine Geschichte von Jack Kerouac beginnen, jenem großen amerikanischen Schriftsteller, der vor 100 Jahren geboren wurde.

Jack Kerouacs Literatur hat unseren Kolumnisten Stefan Voit ein Leben lang begleitet. Bild: Anett Neumann

Seine Kindheit verbrachte Jack Kerouac zwischen den beiden Weltkriegen, war im Zweiten Weltkrieg in der Handelsmarine tätigt und trampte später durch die Vereinigten Staaten und Mexiko. Ein vielleicht Getriebener, ein unruhiger Geist. Irgendwann schlug er auch in unserer Generation auf … Er kam in unsere Provinzstadt, die grau und leer war.

Auf der Suche nach uns selbst

Wir waren 15, 16, 17… auf der Suche nach uns selbst, die Pubertät im Nacken, das Loslassen vom Elternhaus bahnte sich an, das Auflehnen gegen die Schule mit ihren alten Lehrern, die vom Krieg gezeichnet waren. Wir entdeckten die Rockmusik, hörten die Beatles, Stones, Frank Zappa und Velvet Underground. Wir gingen in den Filmclub, sahen Kurosawa, Achternbusch, Eisenstein und Woodstock und waren glücklich, in der Altstadtgalerie einen Hafen der Zuflucht gefunden zu haben.

Und irgendwann kam Kerouac herein, setzte sich an den Tresen und las aus seinem Buch „On The Road“. Er erzählte vom wirklichen Leben, so wie er es erfahren hatte: vom schnellen Rhythmus des Jazz, schönen Frauen, billigem Alkohol, Sex, Drogen, Freiheit. Von Dingen, von denen wir langsam anfingen zu träumen. Jack hatte das alles erlebt … Und er schrieb es nieder in seinem großen und wichtigen Roman „On The Road“, der 1957 erschien.

Schriftrolle für 5,5 Millionen Euro

Getippt in eine Schreibmaschine, in die er eine über 30 Meter lange Schriftrolle einspannte, aus Butterbrotpapier, und sich alles aus der Seele schrieb. Die Rolle würde übrigens 2001 für 5,5 Millionen Mark versteigert. Natürlich war Jack Kerouac als er zu uns stieß, schon tot: Er starb 1969 im Alter von nur 47 Jahren, gezeichnet von Drogen und Alkohol, in Florida. Aber sein Geist war noch deutlich für uns spürbar. Ach, wir wollten unterwegs sein, wollten Erfahrungen machen, raus aus der miefigen Kleinstadt, die Welt sehen.

Doch waren wir damals zu jung, hatten keinen Führerschein, vielleicht ein Mofa und waren – fast – verdammt zu warten, bis uns die Welt zu Füßen liegen würde. Das wünschten wir uns zumindest damals. Die Literatur der Beat Generation war für uns eine Möglichkeit, durchzuhalten – bis zum Abitur, um sich dann loszueisen und „On The Road“ zu gehen. Jack Kerouac hat uns Jugendlich, wie William S. Burroughs oder Allen Ginsberg, sehr beeinflusst – im Denken, im Nachdenken, im Strategien entwickeln, wie es sein könnte … Vielleicht auch in der Coolness, im Halten der Zigaretten oder im zuckenden Tanzen.

Irgendwann gingen wir endlich weg

Seine weiteren Bücher waren spannend, unterhaltsam, aber nicht mehr so prägend wie „On The Road“ … Irgendwann gingen wir endlich weg, machten unsere Erfahrungen, versuchten, unsere Träume umzusetzen … Manches gelang, manches war zum Scheitern verurteilt. Aber Jack‘s Geist schwebte noch immer mit. Anfang der 2000er erschien dann „The Jack Kerouac Collection“ mit seinen 1958/59 gehaltenen Lesungen. Lyrik meets Piano meets Jazz meets Sprachgewalt. Endlich gab es ihn auch zu hören … Für uns eine Sensation, für die heutige Generation eine Kleinigkeit zu entdecken dank Internet. Da war er wieder der Geist des Auflehnens, der Rebellion. Keine billige Samstag-Abendshow, sondern heiße Poesie, rauschhaft vorgetragen.

Jahre später lag ich in St. Petersburg/Florida am Strand. Der Ort, in dem Kerouac gestorben war. Ich sah Berge von Muscheln, die der Pazifik an Land geworfen hatte und lauschte Bob Dylan und seiner Rolling Thunder Tour. Auch Dylan war von dem Beatnik beeinflusst und besuchte, zusammen mit Ginsberg, in seinem Film-Epos „Renaldo und Clara“ dessen Grab.

In den USA nur Schulterzucken

Ein paar Journalisten-Kollegen wollten wissen was ich hörte. Ich erzählte es ihnen und war überrascht, dass Bob Dylan nicht wichtig für sie war. Was mich wiederum erstaunte! Ich fragte sie nach der Beat Generation und Jack Kerouac, aber diese beiden Begriffe sagten ihnen nichts. Ich meinte, „ihr habt doch bestimmt von ,On The Road‘ gehört?“ Auch hier zuckten sie nur mit den Achsen … Könnte es sein, dass die Beat Generation in Europa mehr Beachtung fand, als in dem Land, aus dem sie ursprünglich kam? Vielleicht ist das so …

Die westliche Welt rückt wieder ein Stück enger zusammen, weil zwei große Kriege im 20. Jahrhundert wohl nicht gereicht haben, um daraus zu lernen. Aber aus welchem Krieg hat die Menschheit jemals gelernt? Vor 100 Jahren wurde Jack Kerouac geboren, der Nachthimmel scheint durch das Dachbodenfenster und ich mache eine Dose Cola auf! Die geht diesmal auf mich, Jack!

Jack Kerouacs Erben

Bob Dylan: Für den US-Singer-Songwriter gehört „On The Road“ zu den wichtigsten literarischen Einflüssen. „Like a Rolling Stone” (1965) ist stark geprägt vom Life on the Road – „How does it feel / To be on your own / With no direction home / Like a complete unknown”.

King Crimsons: Songs wie „Neal and Jack and me“ oder Satori in Tangier“ auf dem Album „Beat“ der Artrock-Gruppe sind eine Hommage an Kerouac.

United Future Organization: Das japanisch-französische Nu-Jazz-Ensemble vertont auf seinem 1993er CD-Debütalbum das Kerouac-Poem „Poetry and all that Jazz“.

Incognito: Die britische Jazzfunk-Band verwendet auf ihrem Album „Life, stranger than fiction“ einen Auszug einer Tonbandaufnahme, in der Kerouac selbst aus „On The Road“ liest.

BAP: Die Kölner Rockband veröffentlicht 2008 auf dem Album „Radio Pandora“ das Lied „Wat für e Booch!“ als Hommage an seinen Roman „On The Road“.

Sportfreunde Stiller: Die Münchner Rockband widmet ihm das Lied „Unterwegs“.

T. C. Boyle: In seiner Kurzgeschichte besuchen zwei jugendliche Ausreißer Kerouac Weihnachten im Haus seiner Mutter und zelebrieren mit ihm eine „echte“ Beatnacht.

Thomas Pynchon: Der Schriftsteller bezeichnet Kerouacs Buch „On The Road“ in dem Vorwort zu „Spätzünder“ als einen der großen amerikanischen Romane.

Johnny Depp: Der Schauspieler bezeichnet „On The Road“ als seinen Koran, der sein Leben verändert habe.

Jack Kerouac School of Disembodied Poetics: 1974 gründen Allen Ginsberg und Anne Waldman die Literatenschule, an der schöpferisches Schreiben gelehrt und geübt wird, als Teil der Naropa University, einer privaten buddhistischen Lehrstätte in Boulder. „Kill Your Darlings“: In dem 2013 gedrehten US-Spielfilm über das Leben Allen Ginsbergs und die Anfänge der Beat Generation verkörpert an der Seite von Daniel Radcliffe Jack Huston den Schriftsteller Jack Kerouac.

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1 Kommentare

Martin Franz - 18.03.2022

Dere Stefan,
kommt mir alles sehr bekannt vor. Ich hab den Jack zum erstenmal im Cafe Fissl getroffen.
Weiter so.
Grüsse Martin

And the world is full of fools