Theisseiler Bürgermeister: „Wir brauchen gerade jetzt mehr Europa, nicht weniger“

Letzau. Mit einer sehr persönlichen Rede, die sich an Wegmarken des eigenen Lebens entlang hangelt, hat Bürgermeister Johannes Kett bei den Feierstunden zum Volkstrauertag an den Ehrenmalen in Letzau und Wilchenreuth der Verstorbenen der Gemeinde gedacht. Er zitiert dabei Helmut Kohl und Roswitha Scheidler.

Bürgermeister Johannes Kett gedenkt mit einer sehr persönlichen Rede der Toten beider Weltkriege aus der Gemeinde Theisseil. Foto: Gemeinde Theisseil

Der 36 Jahre junge Bürgermeister Johannes Kett, eben erst als Nachfolger der verstorbenen Marianne Rauh gewählt, steht zum ersten Mal am Rednerpult vor den Ehrenmalen. Er zeigt sich ebenso entsetzt darüber, mit einem Krieg in Europa konfrontiert zu sein, wie demütig und dankbar dafür, so behütet aufgewachsen zu sein, dass ein Krieg in Europa für ihn bis vor kurzem undenkbar gewesen sei.

Der Friede doch keine Selbstverständlichkeit

„Niemals wieder Krieg in Europa“, zitiert Kett Altkanzler Helmut Kohl. Für seine, Ketts, Generation war das offenbar nicht bloß ein Wort, sondern eine Art Zusicherung, wie Kett es beschreibt. Der Friede eine Selbstverständlichkeit. Auch dann noch, als Russland 2014 die Krim überfiel. „Viele, auch ich, haben es lange nicht wahrhaben wollen, in Europa ist Krieg“, sagt er. „Ein Angriffskrieg auf europäischem Boden. Für mich und meine Generation unvorstellbar.“

Gespräche mit Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs

Kett hat eigenem Bekunden nach in den vergangenen zwei Wochen Gemeindebürger besucht, die den Zweiten Weltkrieg noch miterlebt haben. Unter diesen die Kreisbäuerinnen-Legende Roswitha Scheidler aus Harlesberg, inzwischen 92. Scheidler habe ihm von ihrer Kindheit und Jugend in Nazi-Deutschland erzählt, „vom Schrecken des Krieges, den Nazi-Deutschland begann, erzählte sie nichts.“

„Wir verstehen diesen sinnlosen Krieg nicht“

Wie Scheidler hat auch Ketts Großvater Georg Forster nie von Krieg und Gefangenschaft erzählt, erinnert sich der Bürgermeister. Zu tief habe der Schrecken des Krieges wohl in ihm gesteckt. Und nun das: Wieder Krieg in Europa. „Wir alle verstehen diesen sinnlosen Krieg nicht“, sagt Kett.

Europa gerade jetzt wichtiger denn je

Die einzige Antwort sieht Kett in einem einigen Europa, und an dieser Stelle erinnert er an einen weiteren Satz Helmut Kohls: „Der Weg nach Europa ist mühsam. Rückschläge gehörten dazu, manches Mal zwei Schritte vor – und einen Schritt zurück. Nicht den Bedenkenträgern gehört die Zukunft, sondern denen, die mit einem klaren Ziel vor Augen die Dinge bewegen.“ Der Krieg gegen die Ukraine mache deutlich: „Wir brauchen – gerade jetzt – mehr und nicht weniger Europa.“ Zu Europa gebe es keine Alternative.

„In den Schrecken von Verdun oder Stalingrad“

83 Männer aus der heutigen Gemeinde Theisseil starben in den beiden Weltkriegen. Männer, „die nicht wie ich als 18-Jähriger über Waidhaus in ein freies Europa gefahren sind, sondern als 18-Jährige in den Schrecken von Verdun oder Stalingrad“, so Kett wörtlich.

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