KZ, Flucht, Corona: Der Weise aus Tirschenreuth, der alles überlebte, wird 97

Tirschenreuth. Unvorstellbar, was Alexander Fried in seinem langen Leben erleiden musste: Drei deutsche Konzentrationslager, den Todesmarsch an die Ostsee, die Flucht aus der Tschechoslowakei – und dann auch noch Corona. Am Samstag, 7. Mai, feiert der herzensgute Tirschenreuther seinen 97. Geburtstag.

Alexander Fried genießt die Maisonne auf seinem Balkon. Bild: Jürgen Herda

Nesanel Meir Avraham Fried, genannt Alexander, sitzt in seinem Liegestuhl auf dem Balkon. Sein Gesicht hat Farbe bekommen und er strahlt übers ganze Gesicht. Ganz offensichtlich freut er sich über den Besuch. Denn der liberale Jude Alexander liebt das Gespräch über Gott und die Welt. Mit seinen fast 97 Jahren ist er geistig noch hellwach.

Und doch hadert er ein wenig mit seiner Gebrechlichkeit: „Ich bin nicht mehr so flink“, sagt er augenzwinkernd. Nach einer Corona-Infektion und anschließender Hirnblutung, die er sich im vergangenen Jahr nach einem komplizierten Bruch im Klinikum zuzog, musste er sich ins Leben zurückkämpfen.

Doro ist sein ganzes Glück

Ohne die geliebte Doro an seiner Seite, wäre das nicht möglich gewesen. Bei der ehemaligen Kinderärztin Dorothea Woiczechowski-Fried hat er eine neue Heimat in Tirschenreuth gefunden. „Sie ist mein ganzes Glück“, sagt er mit Tränen in den Augen über die zierliche Frau, die Tag und Nacht für ihn da ist – mit Unterstützung einer gelernten Pflegerin.

Alexander Fried hat den fürchterlichen Nazi-Terror in seiner slowakischen Heimatstadt Žilina überlebt. Drei Konzentrationslager, den Todesmarsch an die Ostsee. Die Flucht mit Václav Havels Onkel aus der stalinistischen Tschechoslowakei. „Ich war als Junge ein begeisterter Ausdauersportler“, erzählt der Fußballfan. „Das hat mich später vielleicht gerettet.“ Das und unfassbares Glück, das seiner Familie verwehrt blieb. Vater und Mutter wurden in den Vernichtungslagern ermordet. Nur er und sein Bruder Iču überlebten den Holocaust. „Ich musste ihn oft mitziehen“, sagt er über den Jüngeren, der an diesem Schicksal fast zerbrochen ist.

Geheimnis seines langen Lebens

Es ist ein Geheimnis seines langen Lebens: Seinen 20. Geburtstag am 7. Mai 1945 erlebte er völlig erschöpft am Tag vor der deutschen Kapitulation bei Schwerin – am Ende eines qualvollen Todesmarsches von Sachsenhausen bis Crivitz. „Da ich anders als die vielen Millionen Opfer Hitlers überlebte“, erklärt Fried, „habe ich mir geschworen, meine Geschichte jungen Menschen zu erzählen, damit sich die grausame Geschichte nie wiederholt.“ Aus dieser Mission schöpfte er Kraft.

Umso tragischer empfindet er Putins Aggression in der Ukraine: „Es ist furchtbar, dass dieser schreckliche Mensch das Brudervolk der Russen überfallen hat und sie jetzt terrorisiert.“ Was für eine Tragik: Der Tag der Befreiung vom Nazi-Wahnsinn, der auch seine Erlösung bedeutete, beschmutzt durch eine Pseudo-Siegesfeier, die der faschistoide Kreml-Herrscher offenbar im völlig zerbombten Mariupol abhalten will.

Alexander und seine geliebte Doro. Die ehemalige Kinderärztin Dorothea Woiczechowski-Fried ist Alexander Frieds größtes Glück. Bild: Jürgen Herda

Keine Zeit für schwache Nerven

Es ist keine Zeit für schwache Nerven. Immerhin, der Besuch fällt zusammen mit dem israelischen Unabhängigkeitstag „Jom haAtzma‘ut“, der Proklamation des jüdischen Staates durch David Ben-Gurion im Mai 1948. „Israel war immer eine Hoffnung für mich“, sagt Alexander mit leiser Stimme. „Leider gibt es auch dort keine Gerechtigkeit für die Palästinenser.“ 1995 sei die Aussöhnung, der Frieden mit Händen zu greifen gewesen. Dann wurde Jitzchak Rabin ermordet und mit ihm die Hoffnung auf die Zwei-Staaten-Lösung.

„Leider bin ich kein weiser alter Mann geworden“, sagt Alexander bedauernd. Er hatte so gehofft, dass sein Einsatz für Menschlichkeit mit dazu beitragen könnte, die Welt menschlicher zu machen. In unzähligen Vorträgen erzählte er von seinen schrecklichen Erlebnissen in den Vernichtungslagern, um junge Menschen gegen rassistische Ideologien zu immunisieren. „Ich hoffe und glaube, dass ich sie mit meiner Geschichte berühren konnte.“

Alexanders Versprechen

Man widerspricht einem alten Professor, der ein Dutzend Sprachen fließend spricht, nur ungern. Aber Alexander Fried ist ohne Zweifel ein gerechter Weiser. Als Journalist lernt man viele Zeitgenossen kennen – nur selten einen derart bescheidenen Menschen, der trotz eines unfassbaren Schicksals Anteil am Leben anderer nimmt.

Seinen 97. Geburtstag feiert er im Kreise seiner Familie mit Gästen aus aller Welt. Und er hat uns versprochen, die 100 auf alle Fälle voll zu machen: „Wenn ich so lange durchhalte“, sagt er schmunzelnd.

Bundesverdienstkreuz und -medaille für die Frieds

„Es gibt kein Ende des Erinnerns“, sagte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am 4. Dezember 2018 bei einer Feierstunde für verdiente Bürger. Der damals 93-jährige Historiker Alexander Nesanel Fried wurde mit dem Bundesverdienstkreuz, seine Ehefrau Dr. Dorothea Woiczechowski-Fried im Schloss Bellevue mit der Bundesverdienstmedaille ausgezeichnet für ihr herausragendes Engagement für die Gedenk- und Erinnerungskultur in Deutschland – eine späte Genugtuung für erlittenes Unrecht.

Das Paar widmete sein Leben dem Kampf gegen Vorurteile. In über 300 Vorträgen und Diskussionen an Schulen vermitteln beide den Jugendlichen, was die Gräuel des Nationalsozialismus für die Betroffenen bedeuteten. „Was wollen diese Nationalisten?“, kann Fried den Zulauf für Rechtspopulisten nicht verstehen. „Damals haben die Nazis Deutschland völlig zerstört – hat man nicht genügend gelitten?“

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Eine Biographie von Ulrike Wendt: „Dos pintele jid“ – Alexander Nesanel Fried: Leben und Überleben eines slowakischen Juden im 20. Jahrhundert

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