Wirtschaft

OTH-Präsident Clemens Bulitta will eine Hochschule der „krassen Macher“

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Weiden. Die OTH Amberg-Weiden hat die mittlere und nördliche Oberpfalz in fast drei Jahrzehnten bereichert. Über 8.000 Absolventen leisten ihren Beitrag am wirtschaftlichen Aufschwung. OTH-Präsident Clemens Bulitta schaltet im Interview mit OberpfalzECHO noch einen Gang höher – mit nachhaltigem Antrieb.

Clemens Bulitta, der neue OTH-Präsident, gibt die Richtung vor. Bild: Herda

OberpfalzECHO: Herr Bulitta, Sie haben Ihrer Präsidentschaft das Motto „Der Mensch im Mittelpunkt, durch Denken bewegen, mit Wissen wirken“ vorangestellt. Können Sie das für uns etwas konkretisieren?

Professor Clemens Bulitta: "Ausbuchstabiert bedeutet es im Hochschul-Alltag, offen und partnerschaftlich zusammenzuwirken. Wir wollen aber nicht dabei stehenbleiben, Fragen zu stellen, sondern wir wollen Lösungen finden. Dabei sind wir nicht allein auf den vordergründigen Erfolg fixiert, sondern wir verstehen, dass wir auch erkennen können, ja müssen, dass es vielleicht nicht immer gleich eine richtige Lösung gibt. Machen ist wie wollen – nur krasser. Wir wollen uns als Macher verstehen und gemeinsam die Zukunft unserer Region durch Bildung und Innovation wirksam gestalten."

Wo sehen Sie besonderen Handlungsbedarf, wie kann die Hochschule die Region fit für die Zukunft machen?

"Unser gemeinsames Ziel muss es sein, dass wir als Region den Menschen Perspektiven vor Ort bieten, und dass wir unseren Nachwuchs heute und in Zukunft selbst sichern. Das bedeutet auch attraktiv für internationale Studierende zu sein. Denn: Auch andere Regionen haben einen Fachkräftemangel und nahezu Vollbeschäftigung, und setzen alles daran, ihren qualifizierten Nachwuchs bei sich zu binden oder von uns abzuwerben. Die Jugend ist der Erfolgsgarant für die regionale Zukunft."

Transfer und Weiterbildung in den Vordergrund

Wie kann das im Wettbewerb mit anderen Regionen gelingen?

"Neben die Kernaufgaben Lehre und Forschung treten stärker als bisher Transfer und Weiterbildung in den Vordergrund. Transfer wird dabei nicht nur auf die wirtschaftliche Verwertung von Forschungsleistungen reduziert, sondern umfasst auch und vor allem die Rolle und Verantwortung der Hochschulen für die Gesellschaft als Ganzes, für den technischen Fortschritt, für Ökonomie, Ökologie sowie Kunst und Kreativität. Dies ist in einem Umfeld, in einer Gesellschaft, die geprägt ist von Unsicherheit, Komplexität und Mehrdeutigkeit, eine besondere Herausforderung."

Also in etwa so, wie der Virologe Christian Drosten in wöchentlichen Podcasts mit Fakten die verunsicherte Bevölkerung über die Pandemie aufklärt?

"Durch denken bewegen kann nur in einer aufgeklärten Gesellschaft gelingen. Wir müssen das lebenslange Lernen lehren. Akademisierung hat nichts damit zu tun, dass jeder zwangsläufig studiert. Sie hat etwas mit der Denkweise der Menschen zu tun, mit wissenschaftlichen Methoden zu arbeiten, das gilt für alle Lebensbereiche. Es ist ein gesamtgesellschaftlicher Auftrag, um zu lernen, besser mit der Komplexität umzugehen.

Für uns Wissenschaftler ist es nicht ungewöhnlich, das man sich mit These und Antithese der Wirklichkeit nähert. In der Öffentlichkeit glaubt man aber, dass jede neue Erkenntnis, die man etwa im Umgang mit der Pandemie erreicht, die vorhergehende infrage stellt. Nur wenn man eigenständig denkt, auch in Grenzbereiche des Denkens vordringt, begreift man, wie wissenschaftliches Arbeiten funktioniert. Das müssen wir unseren Studenten beibringen, aber auch in die Gesellschaft tragen."

Wie wollen Sie das aus der Hochschule in die Gesellschaft transportieren?

"Zunächst, indem wir ganzheitlich denkende Menschen ausbilden. Dann im Verbund mit anderen Bildungsträgern, den Schulen, den Wirtschaftsverbänden wie der IHK und dem Handwerk. Technologie entwickelt sich immer schneller, wir brauchen dazu auch eine adäquate Technologiefolgeabschätzung. Und wir müssen auch Klischees hinterfragen."

Wie zum Beispiel?

"Wie haben zum Beispiel in meinem Bereich, dem Gesundheitssektor eine Versorgungsmentalität, die höchsten Standard fordert, aber die Kosten beklagt. Diese Herangehensweise muss man auch einmal hinterfragen. Es ist richtig, dass in den Gesundheitsbereich in Deutschland 400 Milliarden Euro fließen, das sind 12 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Was aber nicht dazu gesagt wird: Es fließen über Steuern auch wieder 100 Milliarden Euro zurück, also ein positiver wirtschaftlich Effekt."

Liegt die negative Betrachtungsweise nicht daran, dass einige Akteure bestimmte Regelungen für zumindest zweifelhafte Behandlungsmethoden nutzen – etwa weil Knie-, Hüft-, oder Rückenoperationen gut vergütet werden, und einige Kliniken dort öfter operieren als unbedingt notwendig?

"Das ist eine Frage der richtigen Anreize. Es kann auch eine bessere Medizin mit weniger Geld geben. Ein Beispiel: Weniger Beatmungstage und ein schnelleres Extubieren nach einer großen Operation sind für den Patienten schonender, führen aber häufig zu geringeren Erlösen für das Krankenhaus . So entsteht ein Fehlanreiz Patienten länger zu beatmen und dies verursacht vermeidbare Mehrkosten.

Auch beim Gelenksersatz gibt es Effizienzpotenziale, wenn man konservativ behandelt, wo das sinnvoll ist. Die Frage muss lauten: Was ist uns als Gesellschaft Gesundheit wert, und wie müssen wir die Anreize so setzen, dass wir das Bestmögliche erreichen?"

Wo haben politische Anreize gut funktioniert, wo weniger?

"Bei der Elektromobilität sieht man den Effekt durch Anreize sehr gut. Aber wir haben zu selten eine Vollkostenbetrachtung. Bei Atomkraftwerken ist der Rückbau und die Endlagerung nie als Kostenfaktor mit eingeflossen. Oder beim Vergleich von Bahn und Flugzeug, wo manche Zugstrecken das Dreifache kosten wie der Flug, bei dem man die echten Kosten nicht sieht. Menschen tun sich mit Statistiken immer schwer. Das "Gesundheitsrisiko", bei einer längeren Fahrt mit einem Auto ist deutlich höher als für einen Doppelgeimpften das Risiko, schwer an Corona zu erkranken."

Industrielle Automatisierung 4.0

Sie wollen Technik, Wirtschaft und Gesundheit in den Fokus der OTH nehmen: Wo sehen Sie konkrete Potenziale, was bedeutet das für Fächer außerhalb dieses Fokus?

"Wir haben diese drei Felder primär besetzt, weil wir in unserer Region die höchste Industrialisierung Bayerns aufweisen – mit enormer Wertschöpfungstiefe, wenn man etwa an Witron, BHS, Baumann oder Ziegler denkt. Wir sind dabei, das auszubuchstabieren und Schwerpunkte bei der industriellen Automatisierung 4.0 zu setzen. In unserer Wirtschaftslehre setzen wir einen Schwerpunkt auf Handel und E-Commerce, ohne den Faktor Mensch zu vernachlässigen – die Wirtschaftspsychologie muss beantworten, was Wirtschaften im digitalen Zeitalter bedeutet, welche veränderten Handelsbezüge berücksichtigt werden müssen.

Und im bereits angesprochenen Gesundheitssektor entstehen neue Fachberufe. In allen Bereichen spielt die Digitalisierung eine bedeutende Rolle – genauso wie die Querschnittsthemen Nachhaltigkeit und lebenslanges Lernen."

Machen statt reden als Maxime: Wo gab es bisher zu viel heiße Luft, wo muss besser angepackt werden?

(lacht) "Da müssen Sie die Unternehmen fragen. Ich glaube, wir haben viel erreicht, können und müssen aber auch noch mehr machen. Denn Stillstand ist Rückschritt, man muss sich permanent weiterentwickeln."

Sehen Sie wie für wirtschaftliches Wachstum auch eine Grenze des Wachstums bei der Hochschule?

"Es geht nicht um grenzenloses Wachstum, um ein höher, schneller, weiter. Die Frage ist, wann sind wir als Gesellschaft zufrieden? Aber allein, um unseren Wohlstand zu halten, werden wir uns anstrengen müssen, umstellen, vieles neu denken. Das gilt auch für die Studierendenzahlen."

Zahl der Studenten steigern

Sie werben massiv um Studierende: Welche Defizite hat die OTH, wo muss sie besser werden?

"Die Zahl der Studenten stagniert in ganz Deutschland. Der regionale Nachwuchs reicht nicht aus, um uns langfristig auf diesem Niveau zu halten. Wir haben aber explizit die Aufgabe, etwas gegen den Fachkräftemangel vor allem in der Region zu tun. Wir müssen den Balanceakt schaffen, junge Menschen mit unseren Angeboten von uns zu überzeugen, ohne einen Expertenimport aus Ländern anzustoßen, die diese Leute vielleicht noch dringender brauchen. Das wäre ein Kolonialismus 2.0."

Wie macht man das aber partnerschaftlich, ohne uns selbst zu schaden?

"Es gibt positive Beispiele für so einen Win-Win-Ansatz. Das Parksteiner Unternehmen Witron hat in seiner spanischen Niederlassung ein Programm für die berufliche Ausbildung in der Oberpfalz aufgelegt. Ein Teil der spanischen Azubis geht anschließend zurück. So stärke ich beide Seiten, weil es in Spanien den Druck von der hohen Jugendarbeitslosigkeit nimmt, und bei uns die Hemmung der wirtschaftlichen Entwicklung durch fehlende Kapazitäten mildert. Innovative Unternehmen sind auch hier Teil der Lösung."

In welchen Bereichen könnten Sie sich noch mehr Unternehmergeist vorstellen?

"Ich denke, dass es einen erheblichen Unterschied macht, ob ein Unternehmen inhabergeführt oder an der Börse notiert ist. Das setzt andere Anreize. Im einen Fall geht es nur um die Rendite, im anderen kann die Unternehmerfamilie auch Akteur in der Region sein. Wenn Sie an die Gründerzeit denken, da haben die Pioniere der Industrialisierung für ihre Arbeiter Wohnraum wie die Margaritenhöhe in Essen der Firma Krupp geschaffen oder auch soziale Einrichtungen, wie Siemens Sportanlagen an seinen Standorten.

Diese Dinge kommen wieder, je wichtiger der Mitarbeiter wird. Und da haben auch wieder Unternehmen aus der Region wie etwa IGZ Automation, Witron oder BHS bereits Vorbildfunktion."

Zumal Wohnraum vor allem in den Städten immer teurer wird ...

"Wir haben eigentlich genügend Wohnraum. Die Frage ist, wie kann ich ländliche Regionen stärken? Wenn Sie die Holzbauweise der Ziegler Group nehmen, entstehen hier auch neue ökologische Projekte."

In der Corona-Krise wurde die gegenseitige Abhängigkeit der globalisierten Welt deutlich, nicht nur durch das Auslagern wichtiger Produktionen oder unterbrochene Lieferketten. Die Pandemie kann nur besiegt werden, wenn sich nicht in Ländern, wo es wenig Impfstoff gibt, neue, noch ansteckendere Varianten bilden. Müssen wir nicht auch Wohlstand und Klima global definieren, wenn wir nicht neue Fluchtursachen schaffen wollen?

"Kirchturmdenken funktioniert heute nicht mehr. Nur wenn ich die Gesamtkosten betrachte, komme ich zu einer realistischen Einschätzung. Das gilt für viele Probleme. Selbst wenn wir morgen unsere CO2-Emissionen auf Null runterfahren, bringt das herzlich wenig, wenn andere es nicht tun. Was kein Plädoyer für das Sankt-Florians-Prinzip sein soll. Wir müssen unsere Hausaufgaben machen und international die notwendigen Schritte verhandeln. Und bei uns muss Nachhaltigkeit in allen Bereichen der Lehre Einzug halten und ein Umdenken erzeugen."

Mehrwert der OTH Amberg Weiden für die Region in Zitaten

  • „Wo wären die 3.800 Studierenden und ihre Vorgänger seit 1995, junge Frauen und Männer aus unserer Region, wenn die Hochschule vor 27 Jahren nicht mit vereinten Kräften gegründet worden wäre?
  • Wo wären die rund 8.500 Absolventinnen und Absolventen, die Alumni, die zu 80 Prozent in unserer Region geblieben sind?
  • Wo wären ihre Familien, wenn die Hochschule nicht gegründet worden wäre? Wo wären die über 400 Beschäftigten der OTH Amberg-Weiden?
  • 3.800 Studierende geben im Monat etwa 600 Euro aus – auch in Coronazeiten – das summiert sich im Jahr auf etwa 27 Millionen Euro, die das Kaufkraftniveau stabilisieren.
  • Dazu kommen die noch höheren Werte, die die Familien von über 400 Beschäftigten zusammenbringen. Und das ist nur ein monetärer, ein profaner Gewinn, den die OTH Amberg-Weiden der Region bringt.“

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