Solidaritätswelle in Tschechien: Neue Liebe der Prager Politik für Flüchtlinge

Prag. Die Tschechen fühlen sich bei den Ukrainern an 1968 erinnert und helfen, wo sie können. Etwa mit Auto-Fahrgemeinschaften. Der Staat lernt erst noch, mit Flüchtlingen umzugehen.

Solidarität mit der Ukraine: 80.000 Tschechen demonstrieren gegen Putins Krieg. Bild: Botschaft der Ukraine in Prag

So viel Hilfsbereitschaft für Flüchtlinge ist neu in Tschechien. Die ukrainischen Mütter und Kinder, die vor Putins grausamem Krieg fliehen, sorgen für eine neue Willkommenskultur in Prag. „Es geht vorwärts: Gestern noch standen die Menschen hier bis zu sechs Stunden“, berichtet am Dienstagmittag die tschechische TV-Reporterin vor der Zentrale der Ausländerpolizei in Prag.

„Heute geht alles schon sehr viel schneller – nach maximal zwei Stunden hat man alles erledigt.“ Der eigentliche Akt – ein Visum zu beantragen – ist in gerade mal zehn Minuten erledigt. Die Menschen in den langen Schlangen sind ukrainische Flüchtlinge, geflohen vor Putins Krieg, die über die slowakische oder polnische Grenze gekommen und jetzt in der tschechischen Hauptstadt gelandet sind. Sie kamen in Zügen aus Polen oder in Auto-Fahrgemeinschaften, die Tschechien massenhaft ganz spontan organisiert hatten.

80.000 demonstrieren gegen Putins Krieg

Fragt man nach dem Grund für diese spontane Hilfsbereitschaft, hört man immer wieder eine Jahreszahl: 1968. Seinerzeit war der Prager Frühling durch den militärischen Überfall der „Bruderländer“ aus dem Warschauer Pakt blutig unterdrückt worden. Hunderttausende Tschechen und Slowaken sahen danach nur noch den Ausweg der Flucht in den Westen, wo man sie großherzig aufnahm.

Jetzt will man selbst den flüchtenden Ukrainern helfen. Wie groß die Solidarität namentlich der Prager ist, konnte man am Sonntag sehen. 80.000 Menschen hatten sich da auf dem Wenzelsplatz zu einer Demonstration gegen Putin und für die Ukraine eingefunden. Schon lange hat der Platz keine solch machtvolle Protestaktion mehr gesehen.

Neue tschechische Willkommenskultur

Für den tschechischen Staat stellen die Flüchtlinge eine große Herausforderung dar. Als Syrer, Afghanen und andere nach 2015 nach Europa strebten, hatte sich Tschechien geweigert, Menschen aus diesem Kulturkreis aufzunehmen. Als später in Belarus der dortige Despot Lukaschenko die innere Opposition niederschlug, tat man sich ebenfalls schwer. 2020 bekamen in Tschechien nur ganze drei Menschen aus Belarus Asyl.

Gegenüber den Ukrainern zeigt Tschechien eine völlig andere Willkommenskultur. „Wir müssen das aber erst lernen“, sagte Innenminister Vít Rakušan am Dienstag nach einem Treffen mit den Chefs der tschechischen Verwaltungsgebiete. Und er wehrte damit Kritik aus den Medien ab, die die Bürokratie und das Durcheinander der staatlichen Behörden zu Beginn der Flüchtlingswelle beklagen. „Der Krieg hat erst vor ein paar Tagen begonnen. Wir brauchen schlichtweg ein bisschen Zeit, bis alles klappt.“

Ukrainische Flüchtlinge willkommen: Lange Schlangen vor der Zentrale der Ausländerpolizei in Prag. Bild: Blitz

Kritik an der tschechischen Bürokratie

„Die umständliche Prozedur, die die Flüchtlinge hier durchlaufen müssen, zeigt, dass wir Tschechen tatsächlich unsere Wurzeln auch in der grausamen Bürokratie der österreichisch-ungarischen Monarchie haben“, schrieb am Dienstag ein Internetportal. Und es verwies unter anderem auf den erforderlichen Besuch der Flüchtlinge bei der Ausländerpolizei.

Dort müssen sich die Flüchtlinge ordentlich registrieren lassen und ein Visum beantragen. Das gilt für 90 Tage. Was aber nicht heißt, dass die vielen Mütter mit Kindern, die jetzt Ruhe finden wollen, anschließend wieder in die Ukraine zurück müssen. Sie können einen Duldungsstatus beantragen, um auch sehr viel länger in Tschechien bleiben zu können.

Verwaltungsgebühr für mittellose Flüchtlinge

Die wenigsten Vertriebenen in der Schlange wissen, dass sie die Anmeldung auch im Internet hätten vornehmen können. Oder dass das von ihrem Vermieter erledigt werden könnte. Das tschechische Innenministerium hat zwar alle wichtigen Dinge auf einer ukrainischsprachigen Internetseite veröffentlicht.

Aber da sind einige Passagen selbst den Bürokratie gewohnten Tschechen unverständlich. Ärgerlich auch, dass die mittellosen Antragsteller für jedes Visum 300 Kronen bezahlen müssen. Das ist die übliche „Verwaltungsgebühr“ in Tschechien, die man sich bei den Flüchtlingen aber auch gut hätte sparen können.

Assistenz-Zentren helfen den Ukrainern

Besser dran sind die Flüchtlinge, die „Assistenz-Zentren“ in den einzelnen tschechischen Bezirken aufsuchen. Hier werden sie unter anderem auch gleich krankenversichert und bekommen eine Arbeitserlaubnis. Für Außenstehende seltsam klingt auch, dass Tschechien im Zusammenhang mit den Flüchtlingen den „Notstand“ ausrufen könnte.

Nicht aus Angst, das Drama nicht bewältigen zu können. Nur, weil allein das die Grundlage ist, damit die Kommunen auch längerfristig über genügend Geld für die Versorgung der Ukrainer verfügen können. Noch ist es nicht so weit. „Zeit also, sich vielleicht einen besseren Begriff für diesen Moment ausdenken zu können“, spottet man in den sozialen Medien. Wie hatte der Innenminister gesagt? „Wir lernen noch.“

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Ukraine-Krieg schockiert unsere Nachbarn in Prag: Angst in der Ferne um Familie und Freunde – Die Erinnerung an russische Panzer am Prager Wenzelsplatz ist lebendig. Dazu kommt: Viele #Ukrainer arbeiten in der #Tschechischen Republik. Julia T., Ukrainerin aus der Nähe von Odessa, bangt in #Prag um ihr Land. Andere Tschechen organisieren #Spendenaktionen oder holen Flüchtlinge von der Grenze ab. https://www.oberpfalzecho.de/beitrag/ukraine-krieg-schockiert-unsere-nachbarn-in-prag-angst-in-der-ferne-um-familie-und-freunde

Kommentar: Morgen kann jeder ein Ukrainer sein – Heute trägt fast die ganze Welt Gelb-Blau: Von der Beflaggung vor dem Bundestag bis zur Anzeigetafel im Jahn-Stadion. Kaum jemanden lässt #Putins #Wahnsinnskrieg kalt. Was im Kalten Krieg mit großer Disziplin verhindert wurde, ist plötzlich Realität. Ein Despot spielt am #Atomknopf. https://www.oberpfalzecho.de/beitrag/kommentar-morgen-kann-jeder-ein-ukrainer-sein

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