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Wie Schüler das Schicksal einer jüdischen Familie erspüren [mit Video]

Bildungsprogramm "Die Ansbachers" der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg

Flossenbürg/Floß. Wer an Nationalsozialismus denkt, hat sofort das Schicksal "der Juden" im Kopf. Doch was steckt dahinter? Die Bildungsabteilung der KZ-Gedenkstätte hat die Geschichte der Familie Ansbacher aus Floß so aufbereitet, dass aus den anonymen Opfern Menschen mit einem greifbaren Schicksal werden. Die Reaktionen der Schülerinnen und Schüler sind verblüffend.

Manchmal ist Historikerarbeit richtige Detektivarbeit. Alles begann mit einer Idee von Dr. Matthias Rittner, promovierter Historiker und wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Bildungsabteilung der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg: „Seit der frühen Neuzeit gab es in Floß eine jüdische Gemeinde. Das ist direkt vor unserer Haustür. Da können wir doch mal was drüber machen.“ Dass er bei seinen Recherchen auf das Archiv einer Universität in Neuseeland stoßen wird, hatte Rittner da noch nicht geahnt.

Die Familiengeschichte war derart faszinierend.

Matthias Rittner über die Familie Ansbacher

Besonders das Schicksal der Familie Ansbacher aus Floß, das gut dokumentiert ist, ließ Rittner nicht los. „Die Familiengeschichte war derart faszinierend. Vor allem, weil jedes Familienmitglied einen anderen Lebensweg einschlug.“

Geflohen, verschleppt, ermordet

Die Geschichte der Familie Ansbacher aus Floß ist tief geprägt von der Zeit des Nationalsozialismus: Der älteste Sohn Fritz Ansbacher floh 1939 nach England. Der kleine Sohn Willi ging in ein Kibbuz in Deutschland, um nach Palästina auszureisen, wurde jedoch nach Ausschwitz deportiert, überlebte, wanderte schließlich nach Palästina aus.

Die Eltern Ernst und Pauline blieben lange in Floß. Sie waren eine der beiden letzten Familien einer einst blühenden jüdischen Gemeinde. Doch auch die Eltern wurden 1942 verschleppt in das Vernichtungslager Piaski in einem deutsch verwalteten Teil Polens. Dort verliert sich ihre Spur, wahrscheinlich wurden sie ermordet.

Historiker Dr. Matthias Rittner hat viel geforscht, um das Bildungsprogramm „Die Ansbachers“ zu entwerfen. Bild: David Trott

Bildungsprojekt: Geschichte erforschen

Historiker Rittner und das Team der Gedenkstätte Flossenbürg haben die Geschichte der Familie Ansbacher umfangreich aufgearbeitet, und haben ein Bildungsangebot daraus gemacht. Schulen und Bildungseinrichtungen können den Projekttag „Die Ansbachers“ in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg buchen. „Wenn wir über die NS-Zeit und den Holocaust reden, geht es meist allgemein um die Juden. Es bleibt jedoch abstrakt. Wer sind diese Juden? In dem Workshop nehmen wir uns Zeit dafür, die Geschichte zu erforschen.“

Hey, das ist ja total krass, was die durchgemacht haben.

Reaktion eines Schülers beim Projekttag „Die Ansbachers“

Es ist ein neuer Ansatz der Geschichtsvermittlung. Statt stur Jahreszahlen auswendig zu lernen, tauchen die Schüler in die Geschichte ein. Statt über anonyme Opfer zu reden, lernen sie eine konkrete Familie und ihre persönliche Lebenswelt kennen. „Ein Schüler hat nach unserem Workshop mal fassungslos gesagt: ‚Hey, das ist ja total krass, was die durchgemacht haben‘. Da hat man gemerkt, er hat nicht nur Puzzleteile im Kopf zusammengesetzt, sondern er spürt was, er bekommt ein Feeling dafür. Und das alles aufgrund von ein paar Schriftstücken und alten Schwarzweißfotos.“

Briefe der Familie in Neuseeland

Wie Historiker Rittner auf die Spuren der Familie Ansbacher kam, ist eine eigene Geschichte wert: Zuerst nimmt Rittner Kontakt mit Dr. Renate Höpfinger auf, Leiterin des Archivs für Christlich-Soziale Politik der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung.

In den 1990ern schrieb sie ihre Dissertation über die jüdische Gemeinde in Floß. Sie weiß, dass es noch eine entfernte Verwandte der Ansbachers gibt, in Nürnberg. Es stellt sich heraus, dass es die Großnichte von Vater Ernst Ansbacher ist. Rittner schreibt die Großnichte an, sie verweist ihn auf eine neue Spur: Es gebe noch zahlreiche Briefe der Familie, im Archiv einer Universität in Neuseeland. Der älteste Sohn der vierköpfigen Familie nämlich, Fritz Ansbacher, der nach England floh, wanderte danach nach Neuseeland aus. Dort nannte er sich Fred Ansbacher, arbeitete an der University of Otago und hinterließ der Uni seine Korrespondenz mit der Familie.

Oma übersetzt Sütterlin

Die neuseeländische Universität scannt die etwa 50 Briefe ein und schickt sie Rittner. So eröffnet sich ein neues Universum – das Rittner zunächst mal verschlossen blieb, weil die Briefe in Sütterlin geschrieben waren und Vater Ernst Ansbacher „eine Sauklaue hatte“, wie Rittner sagt. Da kommt Rittners Oma ins Spiel. Die übersetzt die Briefe der Familie in für die Augen des 21. Jahrhunderts lesbare Worte. Einige Passagen aus den Briefen bekommen auch die Schülerinnen und Schüler zu lesen.

Briefe zeigen Angst und Unsicherheit

Sie erfahren, wie die Ansbachers im Nationalsozialismus immer mehr unterdrückt und aus der Flosser Dorfgemeinschaft ausgeschlossen wurden. Wie Ernst Ansbacher vom angesehenen Kaufmann zum Arbeitslosen und Hilfsarbeiter degradiert wurde. 1939 musste er sein gut gehendes Stoffgeschäft auflösen. Er war ohne Einkommen. Für einen Freund, einen Metzgermeister, verrichtete er Hilfsdienste.

Zwischen den Zeilen erfahren die Jugendlichen von Angst und Unsicherheit. Pauline Ansbacher schilderte ihrem Sohn in einem Brief, dass sie gar nicht wisse, wie sie die Tage rumbringen soll. Sie durfte nicht arbeiten, abends nicht auf die Straße gehen, war sozial ausgeschlossen. „Das zeigt ganz plastisch, was es heißt, damals als Jude in Deutschland gelebt zu haben“, beschreibt Rittner.

Die KZ-Gedenkstätte, hier noch im winterlichen Kleid, will die kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte des Konzentrationslagers Flossenbürg und seiner Nachwirkungen. Dafür hält die Bildungsabteilung einige Angebote bereit. Bild: David Trott

Immer mehr Türen schlagen zu

Ratlosigkeit und Unsicherheit prägen ihre Worte. Pauline Ansbacher schrieb: „Man kann doch nicht wissen, was alles passieren kann. Man weiß nicht, was man tun soll. Manchmal meine ich, wir sollten nach Fkft. (Frankfurt) ziehen, aber wenn man hört, daß alle ihre Wohnungen gekündigt bekommen, dann wäre man noch besser hier aufgehoben, obzwar es auch kein angenehmes Gefühl ist, in absehbarer Zeit noch hier allein zu sein.“

In den Briefen steht auch, wie der große Sohn Fritz seine Eltern immer eindringlicher bat, ihm ins Exil nachzufolgen. Doch das war irgendwann nicht mehr möglich. „Es wird klar, dass immer mehr und mehr Türen zuschlagen“, sagt Rittner.

Von Dorfbewohnern misshandelt

Auch zeigt das Bildungsprogramm, wie die Ansbachers die Reichspogromnacht im November 1938 erlebten, wie sie teils von den eigenen Mitbürgern misshandelt wurden. „Meine Mutter wurde geschlagen und mit Füßen gestoßen, mein Vater die steinernen Treppen heruntergestürzt“, beschreibt der kleine Sohn Willi, der zu dieser Zeit 13 Jahre alt ist.

Zwischen den Zielen liest du raus, es ist vorbei.

Historiker Matthias Rittner

In einer schlaflosen Nacht vor seiner Deportation schrieb Ernst Ansbacher an seinen ältesten Sohn Fritz: „Es ist nicht wert noch zu schlafen, in 2 Stunden kommt die Ronde und dann auf ewig fern (…) Also Willi, denke nicht zu viel an uns, das zehrt deine überaus beanspruchte Jugendkraft. (…) Bleibe ein guter Sohn und Bruder, wie wir dich stets schätzen und lieben. Deine opferbereiten Eltern.“ Obwohl der Vater es nicht ausspricht, ist es ein Abschiedsbrief. „Zwischen den Zeilen liest du raus, er weiß, es ist vorbei. Das geht einem nahe“, sagt Rittner.

So reagierten Schüler auf antijüdische Gesetze

Um ein Gefühl für Geschichte zu bekommen, hat sich das Team der Bildungsabteilung noch eine andere Übung ausgedacht. Die Kursleiter präsentieren den Schülerinnen und Schülern etwa 25 der etwa 2.000 antijüdischen Gesetze. Dann stellen sie ihnen die Frage, welche Gesetze sie persönlich am schlimmsten finden.

Keine Haustiere, keine Partys, Ausgehverbote

Jüngere Konfirmandengruppen wählen oft das Gesetz, dass Jüdinnen und Juden verboten wurde, Haustiere zu halten, erzählt Matthias Rittner. Sie stellen es sich schlimm vor, wenn ihnen der eigene Hund oder die Katze weggenommen wird.

Teenager regt vor allem das Ausgehverbot für Jüdinnen von 20 Uhr bis 6 Uhr auf. Gerade, wenn überall Partys sind und sich die Leute treffen. Besonders seit dem Lockdown seien Schülerinnen und Schüler hier besonders sensibilisiert, beobachtet Rittner. Was sie auch schlimm finden, ist das sogenannte „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“, das die Heirat und außerehelichen Geschlechtsverkehr zwischen Juden und Nichtjuden verbot: Der Staat bestimmt, wen ich lieben und mit wem ich Sex haben darf.

Holocaust ist mehr als Zahlen

Anstatt Gesetze und Zahlen auswendig zu lernen, fühlen sich Schülerinnen und Schüler in die Geschichte ein. Sie identifizieren sich mit Schicksalen und nicht mit bloßen Zahlen. „Sie erkennen hier auch. Der Holocaust besteht nicht nur aus Deportationen und Aus. Das war eine jahrelange systematische Unterdrückung mit unterschiedlichen Mitteln“, sagt Matthias Rittner.

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