Gas-Lieferstopp immer wahrscheinlicher: Oberpfälzer Industrie hat kaum Alternativen

Weiden. Die Lage wird immer bedrohlicher. Je verfahrener Putins Lage in der Ukraine, desto unberechenbarer seine Reaktionen. Jetzt soll der Westen Gas nur noch in Rubel bezahlen dürfen. Ein Lieferstopp wird immer wahrscheinlicher. Oberpfälzer Unternehmen würde das hart treffen.

Putins Ankündigung, russische Gas-Lieferungen könnten für „unfreundliche Staaten“ künftig nur noch in Rubel bezahlt werden, macht ein Gas-Embargo wahrscheinlicher. Ein zweieinhalb Jahre alter Notfallplan regelt, wie der Gasmangel im Fall eines langfristigen Lieferausfalls zu managen wäre.

Was passiert, wenn Putin den Gashahn abdreht?

Dreht Putin den Gashahn ab, weil sich die Europäer weigern mit Rubel zu bezahlen oder schlicht nicht genügend Rubel verfügbar sind, übernimmt die Bundesnetzagentur die „hoheitliche Zuteilung“. Private Haushalte, soziale Einrichtungen, Krankenhäuser und Werke, die für die Stromerzeugung notwendig sind, „unterliegen in einer solchen Situation einem besonderen gesetzlichen Schutz und werden vorrangig versorgt“.

Betroffen von einem Eingriff der Bundesnetzagentur wäre zuerst die Industrie. In welcher Reihenfolge abgeschaltet würde, ist im „Notfallplan für Gas“ nicht genauer festgeschrieben. Laut tagesschau.de würden dazu bereits Gespräche geführt: „Die Bundesnetzagentur kann bestätigen, dass Gespräche zur Krisenvorbereitung mit der Industrie und der Energiewirtschaft stattfinden.“

Man versuche vorbereitet zu sein, „für einen Fall, von dem wir hoffen, dass er nie eintritt“, sagt Klaus Müller, Präsident der Bundesnetzagentur. Ein solcher Fall würde voraussichtlich frühestens im kommenden Winter eintreten. Bis dahin sei die Gasversorgung gesichert.

Energieintensives Weidener Unternehmen: Feuerverzinkerei Einhäupl mit Geschäftsführer Franz-Josef-Einhäupl. Bildmontage: jrh

Ohne Gas: Insolvenz in wenigen Stunden

Mit Franz-Josef Einhäupl, Geschäftsführer von Einhäupl Plus, das zu den größten Unternehmen in Deutschland für Feuerverzinkung zählt, hat die Bundesnetzagentur offenbar noch nicht geredet. „Ich habe meinen Gasversorger gefragt, was ist, wenn Putin zudreht?“, sagt Einhäupl zu OberpfalzECHO. „Das kann nicht sein“, habe der geantwortet. Und: „Da müssen Sie mit dem Netzbetreiber reden.“ Der wiederum habe gemeint, er könne da gar nichts sagen.

Welche Folgen hätte es aber für Einhäupl konkret, wenn Russland das Gas abdreht oder die Bundesregierung doch noch ein Embargo beschließt? „Das kommt darauf an, wie lange unsere Speicher reichen“, erklärt er. „Das reicht von ,keine Auswirkung‘ bis zu ,Insolvenz in wenigen Stunden‘.“

Mehr Stromkosten von 75 Prozent

Schon jetzt koste der Strombezug dem Unternehmen etwa 75 Prozent mehr: „Im ganzen Unternehmen haben wir Mehrkosten von 350.000 bis 480.000 Euro aufs Jahr hochgerechnet“, beschreibt der Geschäftsführer die Lage. „Beim Gasbezug hatten wir Glück“, ergänzt er, sofern die Pipeline offenbleibt. „Unser Vertrag garantiert auch dieses Jahr noch die Preise von 2020.“

Das Unternehmen habe längst auf die Energiekrise reagiert: „Im vergangenen Jahr haben wir zwei Photovoltaik-Anlagen mit knapp 300 kWp in Betrieb genommen zur Eigenstromnutzung“, sagt Einhäupl. „Das deckt unseren Bedarf zwar bei weitem nicht, sollte aber eine gewisse Entlastung bringen.“ Man plane derzeit eine weitere PV Anlage mit etwa 375 kWp. „Die Eigenstromnutzung funktioniert bisher aber nur zu etwa 60 Prozent, weil Speicher in dieser Größe noch nicht wirtschaftlich sind.“

In puncto Gas versuche man intensiv eine teilweise Unabhängigkeit zu erreichen: „Das ist aber in unserem Bereich schwierig“, erklärt der Unternehmer, „die Umrüstung auf Strom kostet pro Werk rund zwei Millionen Euro.“ Und dann bestünde bei einem Gas-Stopp dennoch die Gefahr, dass kein Strom geliefert würde, weil die Gas- und Kohlekraftwerke nicht arbeiten können. Die hohen Preise seien dabei nicht das eigentliche Problem: „Die werden weitergegeben und auch bezahlt.“

Zink wird knapp

Das Oberpfälzer Unternehmen, das von kleinsten Schrauben bis zu großen Stahlkonstruktionen wie Parkhäuser alle Bauteile verzinkt, macht sich vielmehr Sorgen um seinen Rohstoff. „Zink ist in den letzten Wochen um 40 Prozent hoch gegangen“, sagt Einhäupl. Bereits im Oktober 2021 hätten die europäischen Zinkhersteller die Verarbeitungsmengen eingeschränkt, weil die Energiekosten zum damaligen Zeitpunkt 1.000 Euro pro Tonne betrugen.

Die Maxhütte arbeite nur noch von Donnerstag bis Montag, weil der Strom am Wochenende billiger sei. Und man solle sich nicht einbilden, das Problem mit der Energiewende, die zweifellos notwendig sei, ohne Zink zu lösen: „Dazu gibt es keine Alternative“, warnt er, „ohne verzinkte Stahlteile gibt es keine Leitplanken und Lichtmasten, keine Windräder und keine PV-Module.“

Seltmann kann nicht kurzfristig auf Gas verzichten

Auch der Weidener Porzellan-Hersteller Seltmann leidet unter den hohen Energiepreisen: „Es bleibt uns nichts anderes übrig, als die Mehrkosten an die Kunden weitergeben“, sagt Marketingleiter Gerold Welz. „Das wird derzeit akzeptiert.“ Allerdings sei das auch nur eine Momentaufnahme. Schnelle Alternativen zum Gas-Bezug habe man nicht: „Technisch gesehen können Sie ein Unternehmen nicht einfach schnell mal umrüsten.“

Außerdem könne niemand absehen, ob der Ukraine-Krieg über viele Jahre gehe oder in einem halben Jahr wieder vorbei sei. „Wenn Putin mal nicht mehr am Ruder ist, kann alles in kürzester Zeit wieder auf links gedreht werden.“ Er hoffe auf eine schnelle Befriedung. Wirtschaftspolitisch könne er sich nur wünschen, dass die Gaspreise nach unten reguliert würden.

Ein Vorteil für Seltmann sei, dass man in Deutschland produziere. „Für chinesisches Porzellan kommt die teure Logistik hinzu.“ Ein weiterer Pluspunkt sei, dass man sich mit Haushalts-, Gastro- und Hotelporzellan breit aufgestellt habe. „Die Gastro ist natürlich durch die Pandemie arg gebeutelt“, sagt Welz, „da ist es gut, dass wir in verschiedenen Linien stark sind.“

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