Ukrainische Familie in Weiden: „Steh auf, wir sind im Krieg“ [Video]

Weiden/Luzk. Iuliia Kumanska lebt seit zwei Jahren mit Mann und drei Kindern in Weiden. Die Familie aus der Ukraine erzählt, wie der Krieg in ihrem Leben tobt.

Am frühen Morgen des 24. Februar erwacht in Weiden Iuliia Kumanska von einem Anruf ihrer Schwester aus Luzk in der Ukraine. Bomben werden auf die Stadt geschossen, nicht weit weg von ihrer Wohnung. Kumanska rüttelt ihren Mann wach: „Steh auf, wir sind im Krieg.“

Seitdem ist der Krieg in der gemütlichen Dachwohnung der fünfköpfigen Familie allgegenwärtig. „Ich konnte nicht aufhören zu weinen für zwei Tage“, sagt die Frau (42). „Wir können nicht schlafen, wir können an nichts anders denken“, sagt ihr Mann Ihor Butorovych.

Am 24. Februar begann der russische Großangriff auf die Ukraine. Kumanskas Heimatstadt Luzk ist das westlichste Ziel, in das die Raketen einschlagen. Die Stadt liegt nur 80 Kilometer von der polnischen Grenze entfernt.

Iuliia Kumanska und Ihor Butorovych leben seit 2019 mit ihren drei Kindern in Weiden, Enge Verwandte und Freunde leben in der Ukraine. Bild: David Trott

Mutter und Schwester wollen im Kriegsland bleiben und helfen

Kumanska will von Anfang an, dass ihre Mutter und ihre Schwester nach Deutschland zu ihr kommen. Doch die Frauen bleiben im Kriegsgebiet. „Ich muss helfen, ich kann kochen oder putzen“, sagt die 61-jährige Mutter am Telefon. Sie sprechen mehrmals am Tag. Zu den Cousinen in Mariupol im Südosten der Ukraine hat sie keinen Kontakt mehr. Die Stadt steht unter Dauerbeschuss, heißt es aus den Nachrichten. Die Telefonverbindung ist abgebrochen.

Alle paar Minuten vibriert Kumanskas Handy, sie koordiniert Hilfstransporte, vernetzt sich als ukrainische Pfadfinderin mit Gruppen aus der Oberpfalz, hält Kontakt mit Familie und Freunden. Mit ukrainischen Frauen sammelt sie Hilfsgüter. „Es gibt keine unpolitischen Ukrainer mehr.“ Der Zusammenhalt innerhalb und außerhalb des Landes sei enorm. Feministinnen, Konservative, Linke, Rechte, Präsidentenbefürworter- und kritiker, alle helfen zusammen.

„Auch unsere Kinder arbeiten in diesem Krieg“

Das Handy ist allgegenwärtig. Es ist die wichtigste Verbindung zu Kumanskas Familie. Bild: David Trott

Vor zweieinhalb Jahren kam die fünfköpfige Familie nach Deutschland. Kumanska ist Schriftstellerin und Journalistin, besucht gerade Sprachkurse an der VHS in Weiden. Ihr Mann Ihor ist IT-Experte, vorher arbeitete er in China, dann kam das Angebot seines deutschen Arbeitsgebers, hierher zu ziehen. Doch die Bande in die alte Heimat sind eng. Sie haben eine kleine Wohnung dort, die sie nun Flüchtlingen zur Verfügung stellen. Kumanskas Mutter lebt dort. Sie wünscht sich, dass wir mit ihr sprechen können, aber die Kopfschmerzen sind zu groß. Der Schwager und andere männliche Verwandte sind bei der so genannten Territorialen Verteidigung, das heißt sie kämpfen nicht an der Front, sondern schützen ihre Stadt vor Ort.

„Unsere Kinder arbeiten auch in diesem Krieg“, sagt die 42-Jährige. Tochter Olena, die fließend chinesisch spricht, übersetzt und analysiert die chinesische Nachrichtenlage.

„Geld ist absolut unwichtig, Frieden ist das Wichtigste“

Alle sind sehr sehr müde, sagt die Mutter. Ihre größte Angst: „Jeden Tag, wenn ich schlafen muss, habe ich Angst morgens meine Augen aufzumachen und zu sehen, es gibt keine Ukraine mehr. Ich kann mir nicht vorstellen, wie ich weiterleben kann.“ Was sie sich wünscht? „Frieden“, sagt sie, das sei das Wichtigste. Knapp 80 Jahre hätten die Menschen in der Ukraine in Frieden gelebt, genauso lange wie in Deutschland. Zwar gab es in der Ukraine mehrere Konflikte, unter anderem die Krim-Krise 2014, aber so einen allumfassenden Krieg erlebt auch dieses Land das erste Mal seit dem Zweiten Weltkrieg. „Geld, alles was wir in den Händen halten können, ist absolut unwichtig. Leben und Frieden ist das Wichtigste.“

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