Was den Teublitzer Klimaschutzwald so wertvoll macht [mit Video]

Teublitz. Ein Spaziergang durch den Teublitzer Klimaschutzwald: OberpfalzECHO lässt sich von Dr. Christoph Namislo, einem Sprecher der Bürgerinitiative „Schützt unser Wasser“, die Bedeutung dieses Feucht-Biotops für Artenvielfalt, den Wasserhaushalt der Eselweiher und das Klima in der Umgebung erläutern.

Dr. Christoph Namislo an der Stelle im Klimaschutzwald, an der Edeka eine Abfüllanlage bauen wollte. Bild: David Trott

Umweltschutz ist das Bohren dicker Bretter. Im Juni vergangenen Jahres fuhren die Umweltschützer schon einmal großes Kino im Teublitzer Klimaschutzwald auf. Vor dem Waldweg zum umkämpften Biotop empfingen Mitglieder der Bürgerinitiativen mit Transparenten Ludwig Hartmann, den Grünen-Fraktionsvorsitzenden im Bayerischen Landtag.

Mit im Empfangskomitee: Jagdpächter und ein Kunstgeschichtsprofessor, Stadträte und Vertreter des Landesbundes für Vogelschutz (LBV). „Waldschutz ist ein Riesenthema“, sagte der Spross einer tiefgrünen Familie damals. „Die Staatsregierung hat Corona genutzt, um Projekte wie dieses durchzudrücken.“

Erfolgreiche Klage vor dem VGH in Münschen

Dr. Christian Stierstorfer kündigte an, der LBV werde eine Normenkontrollklage vor dem VGH in München anstrengen. „Das ist ein historisches Teichgebiet“, erklärte der LBV-Biologe, „wir haben hier sämtliche Themen der Zeit – Flächenfraß, Artenschutz und Klimaschutz.“ Wie wir heute wissen, war die Klage erfolgreich. Der Verwaltungsgerichtshof kippte den Bebauungsplan – vordergründig wegen eines Formfehlers.

Allerdings habe allein der gereicht, um auf andere Bedenken gar nicht erst eingehen zu müssen: „Im Übrigen hat der Senat erhebliche Bedenken, ob die Bestandsaufnahme und Bewertung des vorhandenen Zustands von Natur und Landschaft (…) hinreichend erfolgt ist, insbesondere ob die dem Bebauungsplan beigefügte spezielle artenschutzrechtliche Prüfung vom Oktober 2020 ausreichend aussagekräftig ist.“

So zahlreich zeigte sich die Protestbewegung gegen das Gewerbegebiet im Teublitzer Klimaschutzwald bereits an früheren Tagen. Archivbild: Dr. Christoph Namislo

Hier wollte Edeka unser Trinkwasser verkaufen“

Zehn Monate nach dem Hartmann-Besuch ist die Uhr wieder auf Null gestellt. Die Stadt Teublitz erklärt mit überwältigender Mehrheit von 18 gegen 2 Stimmen, die Planung fortzuführen. Wir begleiten Christoph Namislo, Sprecher der Bürgerinitiative „Schützt unser Wasser“, um uns seine Motivation für den Widerstand gegen die Entscheidung des Stadtrats vor Ort erklären zu lassen.

„Wir stehen hier genau an der Stelle, wo damals die Getränkeabfüllanlage errichtet werden sollte“, erinnert der studierte Mediziner an das gescheiterte Mega-Projekt eines Handelsriesen. „Edeka wollte unser Teublitzer Tiefenwasser mit seinen vielen Mineralstoffen, das durch eine Tonschicht vor Verunreinigungen geschützt ist, in Flaschen abfüllen“. Jährlich 500.000 Kubikmeter des Wassers, das 5000 Jahre alt sein soll, wollte der Konzern der Stadt 30 Jahre lang abkaufen.

Für die Teublitzer zu wenig Wasser

Dafür hätten die Teublitzer einen Teil ihres Trinkwassers aus Schwandorf beziehen müssen. „Das Wasser für Edeka wäre dem Brunnen in Teublitz entnommen worden“, erklärt Namislo, „man hätte eine über drei Kilometer lange Leitung hierher verlegt.“ Das Wasser hätte dann allerdings für Teile der eigenen Bevölkerung nicht mehr gereicht.

„Man hätte Trinkwasser aus Schwandorf zukaufen müssen.“ Die seltsame Milchmädchenrechnung des damaligen Stadtrats: „Die Stadt hätte das Wasser noch dazu viel billiger verkauft als an die Bürger.“ Letztlich scheiterte das Projekt wahrscheinlich am Protest der Gegner. Edeka zog sich zurück. Die Stadt aber hielt an der Planung eines Gewerbegebietes fest.

Wichtig fürs Teublitzer Klima

Ein paar Schritte weiter befinden wir uns in der Nähe des Bürgerweihergrabens. „Das Gewerbegebiet soll sehr nah an diesen Graben heranrücken“, erklärt Namislo. „Man gräbt diesem Wald das Wasser ab, indem man alles versiegelt und das Wasser über Rohre unterirdisch unter dem Gewerbegebiet durchführen will – eine völlig andere Wassersituation als jetzt, da das Wasser im Boden gespeichert wird.“

Klimaschutzwald heißt dieses Biotop hier übrigens, weil der Wald laut Waldfunktionsplan des Bayerischen Waldgesetzes eine besondere Bedeutung für den regionalen Klimaschutz besitzt. „Der Klimaschutzwald hat eine wichtige Funktion für unser Mikro-Klima“, erläutert der Umweltschützer. „Wenn es im Sommer heiß ist, dann kann das gespeicherte Wasser weiterfließen zum Weihergebiet, dort verdunsten und trägt so zu einem kühleren Klima in Teublitz bei.“

Klimawald im Sinne des Waldpapstes

Für Waldpapst Peter Wohlleben ist nur ein gewachsener Wald ein im Sinne des Klimaschutzes guter, widerstandsfähiger Wald – im Gegensatz zu einer Forstplantage. Wie verhält es sich hier? „Es ist tatsächlich ein gewachsener Wald“, freut sich Namislo. „Man hat eine bestimmte Käferart gefunden, die darauf hinweist, dass an dieser Stelle schon sehr lange Wald gewesen sein muss.“

In puncto Artenschutz müsse man immer das gesamte Ökosystem betrachten. „Natürlich kann man einzelne Tiere herausnehmen“, sagt er, „wie die Waldschnepfe, geschützte Eidechsen-Arten oder auch besondere Exemplare wie Bergmolche.“ Aber schlussendlich gehe es um das ganze System. „Die Tiere brauchen den gesamten Wald.“ Ausgleichsflächen würden nicht unabhängig überprüft. „Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass der Ausgleich sehr häufig nicht funktioniert, weil da keiner mehr nachschaut.“

Der Teublitzer Klimaschutzwald ist ein immenser Wasserspeicher und Kühlaggregat für die Stadt. Bild: David Trott

Interkommunale Lösung im Städtedreieck

Die Behauptung der Befürworter, dass durch den Ausgleich sogar ein wertvollerer Wald als der bestehende entstünde, sei grotesk. „Jeder Förster kann Ihnen erzählen, wie schwierig es ist, dass ein Wald wieder neu anwächst“, sagt er kopfschüttelnd. „Wir befinden uns mitten im Klimawandel mit unglaublichen Problemen der Bodentrockenheit im Wald.“ Zugegeben: „Die wirtschaftliche Entwicklung in Teublitz ist allerdings tatsächlich schwierig“, räumt Namislo ein.

„Wir haben sehr viele Flächen, die man wegen des Hochwasserschutzes nicht bebauen kann, und sehr viele Naturschutzflächen.“ Teublitz habe eben eine unglaublich reiche Natur, die man auch schätzen sollte. „Aber es schränkt natürlich die Entwicklungsmöglichkeiten ein.“ Sein Lösungsvorschlag: „Man muss künftig mit den Nachbarkommunen zusammenarbeiten.“ Schließlich befinde man sich in einem Städtedreieck. „Es ist auch die Aufgabe der Nachbarstädte Maxhütte-Haidhof und Burglengenfeld, auf Teublitz zuzugehen.“

Schwer zu fassende Quelle

„Das hier ist jetzt der Bürgerweihergraben“, fährt Namislo fort. „Da kommt das Wasser vom Schwarzer Berg herunter, fächert sich etwas auf, fließt weiter nach Teublitz und mündet dann in die Naab.“ Dort drüben könne man den Erlenbruch sehen. Wieder einige Schritte weiter quietschen die Sohlen. „Das ist die Quelle“, erklärt der Waldliebhaber.

„Man muss diese Quelle dann auch erst einmal fassen“, beschreibt er die möglichen Schwierigkeiten des Bauvorhabens, „wenn man anfängt zu graben, kann es sein, dass es dort hinten wieder rausläuft.“ Ein irrsinniger Aufwand sei das. Vor allem aber: „Letztendlich macht man hier einfach dicht, es wird verrohrt und geht unterhalb des Gewerbegebiets durch.“ Ende Feuchtgebiet.

Griff ins nasse Moos: Dr. Christoph Namislos Hand verschwindet in der Quelle. Bild: David Trott

Oase inmitten von Trockenschäden

Jetzt hat Christoph Namislo das Torfmoos gefunden, den er uns als Beleg für die natürliche Speicherkapazität des Biotops zeigen möchte: „Diese Moose ziehen sich quer durch den gesamten Wald“, sagt er, „Wenn man da zu Fuß drübergeht, ist es, als würde man auf Wolken gehen.“ Selbst in Trockenzeiten könne man, wenn man die Hand reinhalte, spüren, „wie das richtig nass ist“.

Der Unterschied zwischen dem historischen Wald mit seinen riesigen Erlen, ist nicht nur hier buchstäblich mit Händen zu greifen. Während die Bäume im Klimaschutzwald ganzjährig stramm und gesund dastehen, lassen die dürren Fichten und Kiefern am saltendorfer Berg, dem Aussichtspunkt mit Blick auf die Eselweiher, die braunen Nadeln hängen. „Da fallen die Bäume einfach um“, sagte schon LBV-Biologe Stierstorfer.

Zentrale Punkte des VGH-Urteils

Der Bayerische Verwaltungsgerichtshof (VGH) hat den Bebauungsplan für das Gewerbe- und Industriegebiet am Autobahnanschluss Teublitz, gegen den die Experten des Landesbunds für Vogelschutz (LBV) geklagt hatten, für unwirksam erklärt. Auszüge der Urteilsbegründung:

  • Ausgleichsflächen, die für die Rodung des rund 20 Hektar großen Waldes nachgewiesen werden müssen, waren zum Zeitpunkt des Satzungsbeschlusses „nicht dinglich im Grundbuch gesichert“.
  • Schon dieser „tragende materielle Grund“ habe dem 15. Senat am 5. Oktober gereicht, um der Normenkontrollklage des LBV stattzugeben. Einer abschließenden Entscheidung zu den weiteren vom LBV erhobenen Einwendungen habe es deshalb gar nicht mehr bedurft.
  • „Im Übrigen hat der Senat erhebliche Bedenken, ob die Bestandsaufnahme und Bewertung des vorhandenen Zustands von Natur und Landschaft (…) hinreichend erfolgt ist, insbesondere ob die dem Bebauungsplan beigefügte spezielle artenschutzrechtliche Prüfung vom Oktober 2020 ausreichend aussagekräftig ist.“
  • In Zweifel gezogen wird, ob für die Bemessung der Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen eine „in sich stimmige, nachvollziehbare Bewertungsgrundlage“ vorliegt. Die dem Bebauungsplan beigefügte artenschutzrechtliche Prüfung orientiere sich nicht an der aktuellen Arbeitshilfe des Landesamts für Umwelt vom Februar 2020, und auch die Arbeitshilfe „Zauneidechse“ vom Juli 2020 sei nicht herangezogen worden.
  • Der in den vorherigen Flächennutzungsplan integrierte Landschaftsplan sei „entgegen den gesetzlichen Vorgaben nicht fortgeschrieben worden“. Das führe zu „widersprüchlichen Darstellungen“.

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