Schobers Rock-Kolumne: Von dänischem Soul und Harvard-Poesie

Parkstein. Er hat sie alle geholt: Konzertveranstalter Hubert Schober brachte Rio Reiser oder Manfred Man nach Weiden. Der gelernte Sozialpädagoge veranstaltete international erfolgreiche Shows wie die Circus-Produktion Mother Africa. Für OberpfalzECHO rezensiert er musikalische Neuerscheinungen und Evergreens.

Unser Musikexperte Hubert Schober hat wieder tief in seinem CD-Schatz gegraben. Bild: privat

D/TROIT stammen nicht aus der gleichnamigen Autostadt in den USA, sondern aus Kopenhagen. Die dänische Hauptstadt ist definitiv einladender als die einstige Industriemetropole und der Sound dieser Soul- & Funk-Kapelle ist es auch. Eigentlich nur als Quintett angelegt, bläst einem gleich der Opener (gleichzeitig auch der Albumtitel), „Heavy“ (Crunchy Frog) im wahrsten Sinne des Wortes weg. Fette Bläser machen ordentlich Druck und ziehen sich auch den Rest des Albums nicht zurück.

Vielmehr mischen sich noch Background-Chöre und sogar ein ganzer Jugend-Chor ins üppige Geschehen ein. Weitere Gäste wirken an diversen Perkussionsinstrumenten mit, so dass der Sound im besten Sinne als dicht und üppig zu bezeichnen ist. Sänger Toke Bo Nisted ist zwar etwas blass um die Nase, hat aber ein tief schwarzes Organ und rundet diesen geilen Dänen-Happen ab. James Brown würde sich sicherlich über „Gotta Have Soul“ gefreut haben.

Carlos Truly: Kiffende Nerd-Energie

Auf seinen U-Bahn-Fahrten hörte der juvenile Carlos Truly Al Green und Beethoven auf seinem mp3-Player. Eine ungewöhnliche Mischung für wahr, aber so ist das halt, wenn man in einem Haushalt aufwächst, wo die Mama klassisches Klavier spielt und der Dad als Funk- und Soul-DJ arbeitet. Nach Retro-Soul & Funk aus Dänemark, nun also ein aktueller Aufguss des Genres – natürlich aus Brooklyn.„Not Mine“ (Cargo) ist in seiner Heimatstadt angesiedelt und führt durch eine multikulturelle Familiengeschichte mit Tracks, die größtenteils von seinem Bruder Tony Seltzer produziert wurden.

Die gefeierte Underground-Hip-Hop-Sensibilität seines Bruders vermischt sich sicher mit Carlos‘ kiffender Nerd-Energie. Sein Gesang erinnert an die klassischen Klänge, die wohl sein DJ-Vater zu Hause auflegte, an die Respektlosigkeit und Freude der New Yorker DIY-Szene und an die berauschenden Klangwelten einer Vorstellungskraft, die durch ein Leben in der Stadt geprägt wurde. Da passt es dann, dass durch einen experimentellen Hip-Hop-Song wie „108th“ einfach auch mal eine Geige geistert.

Harvard-Poet Ben Zaidi

Leisere Klänge schlägt der Harvard-Poet Ben Zaidiam anderen Ende der USA an. In Seattle hat sich der Singer/Songwriter Geschichten über den Tod, rassische Identität, Veränderungen im Vierteljahrestakt und den Verlust der Unschuld, der mit dem rapiden Verfall des Planeten einhergeht ausgedacht.

Ben Zaidi dazu: „Wir denken unser ganzes Leben liegt vor uns, aber es gibt eine gewisse Zerbrechlichkeit, auf der das alles haarscharf balanciert. Und ich denke, das Album setzt sich damit auseinander.“ Auf seinem Debüt, „Acre Of Salt“ (Nettwerk) pflegt er einen Folk-Stil, der ein wenig Roy Harper oder John Martyn, aber auch Neu-Töner wie etwa Bon Iver zitiert.

Sam Vance-Law: Queerer Herzschmerz

Wer hätte das gedacht: Auch queere Menschen leiden unter Trennungen und Herzschmerz. Einer der schillerndsten Vertreter, Sam Vance-Law hat sich nun dieser Thematik angenommen und – Wunder, oh Wunder – diese nicht in melodramatische Düster-Oden, sondern in fluffige Pop-Songs gegossen. Selten klang ein Trauer-Album sonniger, euphorischer, friedvoller und tiefenentspannter wie „Goodbye“ (Virgin).

Sicherlich, Vance-Law ist nicht wirklich zum Jubeln zumute – man höre nur diese traurigen Bach-Trompeten! –, hat sich doch sein Freund von ihm getrennt. Aber auch mit der Träne im Knopfloch steht er noch seinen Mann, wenn dieser auch aktuell etwas einsam auf der Tanzfläche hin- und herschwingt. „Don´t say I love someone else“ ertönt so nicht als bitterliches Flehen, sondern als lockerer Bossa-Nova Call-And-Response-Gesang mit einem gemischten Chor. Da leidet man doch gerne ein wenig mit.

Morningsiders: New Yorker Indie-Folk-Pop-Trio

Die Mandoline ist eher nicht für ihren Beitrag zu Trauermusiken bekannt. Meist geht es bei Ukulele, Banjo oder eben der Mandoline doch recht (feucht-) fröhlich zu. So schwingen uns diese Instrumente plus einer Geige gleich in den Himmel, wo selbige so gerne mal hängen. Die Morningsiders aus New York City treten mit ihrem neuen Album, „I`ve Got A Song“ (Nettwerk) in die Fußstapfen der Fleet Foxes, Darlingside oder der Mumford & Sons.

Das Indie-Folk-Pop-Trio wird auch mal leicht melancholisch und holt dazu eine Trompete (wie unser Freund Sam Vance-Law) aus der sowieso gut sortierten Instrumentensammlung. Es bleibt über die gesamte Platte hinweg vorwiegend akustisch, die Melodien sind superb, auch wenn sie den benannten Vergleichen nichts Neues hinzufügen können. Aber warum auch.

Asger Techau: Post-Wave-Solist

Und auch Asger Techau (wer ist das überhaupt?) hat das Rad auf seinem Solo-Album, „Levels“ (Broken Silence) nicht neu erfunden, mag aber ähnlich zu gefallen wie die hier gewürdigten Vorgänger. Hauptberuflich bei der dänischen Indie-Pop-Band von Kashmir aktiv, kennt er sich auch als Schlagzeuger mit eingängigen Melodien aus und weiß als Perkussionist um den Wert knackiger Hooks.

Die streut er einfühlsam wie einfallsreich unter den zehn Songs aus, bemüht auch intensiv den Synthesizer und schielt auf epische Breite und füllige Arrangements. Ausgerechnet der melancholische, akustische Opener, „7-20“ macht hier eine Ausnahme – und führt so in die falsche Richtung, denn was er auch kann, ist Post-Wave und Electro-Pop.

Schobers unglaubliches Lexikon hochtrabender Rock-Pop-Punk-Begriffe

Art-Pop: Hat seine Ursprünge nicht etwa im dritten Studioalbum von Lady Gaga. Als in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Grenzen zwischen Kunst und Popmusik verschwimmen, und John Lennon, Syd Barrett, Pete Townshend, Brian Eno und Bryan Ferry beginnen, sich von ihrem früheren Kunstschulstudium inspirieren zu lassen, ist eine Ausprägung des Art-Pop geboren. In den USA wird er von Bob Dylan und der Beat Generation beeinflusst und durch die Singer-Songwriter-Bewegung auch literarisch überformt. Die psychedelische Bewegung der 1960er Jahre bringt Kunst und Kommerz zusammen und stellt die Frage, was es bedeutet, Künstler in einem Massenmedium zu sein. In den frühen 1970er Jahre wird Progressive/Art Rock der kommerziell erfolgreichste Sound Großbritanniens.

Bossa Nova: Stilrichtung in der brasilianischen Musik und ein Tanzstil. Ursprünglich der Name einer Bewegung, die in den späten 1950er Jahren in Brasilien entstand. Als Geburtsort gilt Beco das Garrafas an der Copacabana. In einem sehr modernen gesellschaftlichen Klima wurde in der gebildeten Mittelschicht mit neuen Formen und Ausdrucksweisen in Musik und Film experimentiert. Als erster Bossa-Nova-Song gilt Chega de Saudade, geschrieben von Antônio Carlos Jobim (Musik) und Vinícius de Moraes (Text) und bekannt geworden in der Interpretation von João Gilberto (Single 1958 und anschließend gleichnamiges Album). Den weltweiten Durchbruch erzielte die Musik mit der Verfilmung Orfeu Negro von Marcel Camus (1958-59). Die Orpheus-Sage findet dort vor dem Hintergrund des brasilianischen Karnevals statt. Im Soundtrack kontrastiert eine Mischung aus schnellen Sambarhythmen neben sparsam arrangierten Gitarrenstücken von Luiz Bonfá und Antônio Carlos Jobim.

Call and Response: Ein musikalisches Muster, das auf dem Ruf (Call) eines Vorsängers und der darauf folgenden Antwort (Response) des Chors basiert. Dieses kurzphasige Responsorium gilt in weiten Teilen der musikwissenschaftlichen Literatur als ein charakteristisches musikalisches Merkmal traditioneller afrikanischer Musik und gehört zudem „als formbildendes Prinzip zu den elementaren Gestaltungsmitteln afro-amerikanischer Musik.“ Dieses Prinzip wurde in Nord- und Lateinamerika in verschiedenen afroamerikanischen Musikgenres von der vokalen auf die Instrumentalmusik übertragen, etwa auf Trommeln in der brasilianischen Musik.

DIY-Szene: Do it yourself, abgekürzt DIY, ist eine Phrase aus dem Englischen und bedeutet übersetzt Mach es selbst. Im musischen Sinn versteht man darunter das Konzept eines Sets von ästhetisch-ethischen Grundsätzen alternativer Musik.

Dub-Reggae: Ursprüngliche Reggae-Songs werden als Rohmaterial verwendet und mit Effekten versehen neu abgemischt. Eine Machart, die bereits in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren auf Jamaika entstand. Erlebt eine Wiedergeburt im Bereich elektronischer Tanzmusik.

Elektro-Boogie: Auch Electric Boogaloo, nicht zu verwechseln mit Onkel Martins Boogie-Woogie auf der Hammond-Orgel, ist eine um 1975 in Fresno (Kalifornien) entwickelte Tanzrichtung, die unabhängig in New York Blüten treibt und ein Element des Funk und des Streetdance ist. Die Old School des Hip-Hop-Tanzes, wird auf Robot reduziert, weil das Imitieren eines Roboters Teil der Performance ist. Eng verwandt ist der Electric Boogie mit Popping, weist aber auch signifikante eigene Bewegungen auf, wie etwa die Illusion von Wellen, die durch den Körper fließen (was häufig mit Popping gemischt wurde, um den „Electric Boogaloo“-Effekt zu verstärken).

Garagen-Psychedelic: Unterabteilung des Garage-Rock, Garage Punk oder Sixties Punk. Mit den letzteren wird ein nachträglicher Bezug zum Punkrock der 1970er Jahre hergestellt. Weitere alternative Bezeichnungen sind Freakbeat für überwiegend britische Bands sowie Acid Rock für die psychedelische Phase.

Garagen-Trash: Sind keineswegs die alten, verrosteten Benzinkanister, die im Zeitalter der E-Mobilität überflüssig sind, und die vergessenen Reste von Entfroster fürs Kühlwasser, also das Sammelsurium, das so in der Garage rumliegt, sondern ein Musikstil abgefuckter Punks, die keinen besseren Übungsraum als die Garage des Redneck-Dads am Stadtrand von Sydney finden, wo sich beispielsweise die Hard-Ons gründeten. The Trashwomen aus San Francisco beweisen, dass auch Frauen zu infernalischen Punk-Kakophonien in der Lage sind.

Glam-Rock: Ein weiteres Subgenre der Rockmusik, bei der sowohl die Musik als auch der Bühnenauftritt sehr opulent ausfallen. Glam Rock ist Anfang der 1970er Jahre besonders in Great Britain sehr populär – als Kontrapunkt zum Artrock von Pink Floyd, King Crimson, Yes oder Genesis. Erlebt in den 1980ern als Glam Metal eine Renaissance.

Grunge: Rockmusik-Genre und Subkultur, die klingt, wie sie heißt – zu deutsch „Schmuddel“, „Dreck“. Hervorgebracht durch die US-Undergroundbewegung in den 1990er-Jahren. Grunge, auch als Seattle-Sound, wird als Vermischung von Punkrock, Underground-Garagenrock und Hardrock beschrieben. Die frühe Grunge-Bewegung drehte sich um Seattles unabhängiges Plattenlabel Sub Pop und die Underground-Musikszene der Region.

Post-Punk: Taucht erstmals 1977 in dem britischen Musikmagazin Sounds auf, um die schrägen Töne von Siouxsie and the Banshees zu beschreiben. 1980 beschreibt der Kritiker Greil Marcus in einem Rolling-Stone-Artikel Bands wie Gang of FourThe Raincoats oder Essential Logic als „britische Postpunk Pop-Avantgarde“. Post-Punk gilt als experimentierfreudig und bunte Mischung aus Krautrock, des Dub, Disco und elektronischer Musik.

Proto-Punk: Adelstitel für die Wegbereiter des Punk und Erfinder minimalistischer Gitarren-Riffs wie The Velvet UndergroundMC5The DictatorsThe Stooges, die New York DollsThe MonksMott the Hoople oder The Sonics – bereits in der ersten Hälfte der 1960er-Jahre.

Sleaze-Rock: „Sleazy“ heißt so viel wie „schäbig“ assoziiert auch mit Abschaum. Sleaze Rock leitet sich vom Image der Sleaze-Rock-Bands ab, die eine rebellische Underdog-Mentalität pflegen und sich mit Tätowierungen, abgerissenen Lederjacken, zerrissenen Jeans und Netzhemdenvom Glam Metal abgrenzen. Dem Sleazerock wird vorgeworfen, altes Bier in neuen Fässern zu sein. Bands wie Guns N’ Roses, L.A. Guns oder Faster Pussycat vermischen Hardrock mit Elementen des Bluesrock, Metal, Garage Rock und Punkrock.

Wave: Kurzwort für New Wave, eine Dachbezeichnung für mehrere, mit der New Wave zusammenhängende Teilgebiete der Musik, die bspw. als Cold Wave, Dark Wave, Doom Wave, Electro Wave, Ethereal Wave und Gothic Wave bezeichnet werden. Seit der zweiten Hälfte der 1980er wird von der Musikpresse der Ausdruck „Post-Wave“ genutzt. Dieser bezeichnet das musikalische Output und die kulturellen Neuerungen nach dem Ausklingen der Wave-Ära. Da sich die Wave-Bewegung allerdings in verschiedene Strömungen und chronologisch voneinander abweichende Etappen gliedert (z. B. New Wave, Electro Wave, Cold Wave und Neue Deutsche Welle), erweist es sich häufig als schwierig, Post-Wave zeitlich zu erfassen. Grob umrissen wird dabei jedoch die Zeit ab den späten 1980ern mit dem Aufleben von Musikrichtungen wie Madchester, Shoegazing, Acid House, Techno, Grunge oder Britpop in Europa.

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