Schobers Rock-Kolumne: Von Palindromen, kornischen Songs und feministischem Punk

Parkstein. Konzertveranstalter Hubert Schober brachte Rio Reiser oder Manfred Mann nach Weiden. Der gelernte Sozialpädagoge veranstaltete international erfolgreiche Shows wie die Circus-Produktion Mother Africa. Für OberpfalzECHO rezensiert er musikalische Neuerscheinungen und Evergreens.

CD-Neuerscheinungen: 17-jährige Schnecke (links oben), Art-Pop aus Nashville darunter und eine Palim-Palim-Schwedin daneben. Cover/Collage: Schober/Herda

Die Schwedin Lykke Li spielt auf ihrem fünften Album nicht mehr die neue, Chart-taugliche RnB-Queen, die Chanteusse hat Palindrome für sich entdeckt. Palin-was?, wird sich der Nicht-Germanist jetzt fragen. Es handelt sich dabei um sinnvolle Folgen von Buchstaben, Wörtern oder Versen, die vorwärts- wie rückwärtsgelesen den gleichen Sinn ergeben (z. B. Reliefpfeiler – Reliefpfeiler, Regal – Lager). So beträgt die Spiellänge von „Eyeye“ (PIAS) – genau, auch ein Palindrom – exakt 33 Minuten und 33 Sekunden. Firlefanz, aber so kommt man eben ins Gespräch.

Leidenschaft, Liebe, Süchte sind die Themen, die Li mithilfe ihrer Palindrome verhandelt. Die musikalischen Mittel speisen sich aus einem aufgeklärten, auch mal aufbrausendem („Highway To Your Heart“) Kammer-Pop, der mit minimalen Mitteln die größtmögliche Aufmerksamkeit erzeugt und wie auf „Happy Hurts“ schon mal Richtung Wolkenkuckucksheim abhebt.

Folktronic aus Cornwall

Und ähnlich kurios geht es weiter! Sie verstehen nur Bahnhof? Keine Bange, 99,99 Prozent der Menschheit ergeht es genauso, denn Gwenno singt auf Kornisch. Kornisch kommt von Cornwall, einer Grafschaft in England mit einer eigenen Sprache und die wird auf „Tresor“ (PIAS) wiederbelebt. So ist es denn die Musik, die einen hier begeistern oder zumindest in Verwunderung versetzen soll und kann.

Der Elektroniker Amphex Twin betitelte auf seinem 2001er Albums „Drukqs“ bereits einige Titel in dieser Sprache, ansonsten wurde man davon verschont. Und eine Mischung aus Folk und Elektronik, also Folktronic pflegt eben auch Gwenno auf ihrer Platte. Wer dabei an Kraut-Rock denkt, liegt nicht falsch, wer an frühe Folk-Kapellen wie Fairport Convention denkt auch nicht. Beide Bausteine zusammen ergeben dann das, was auf „Tresor“ so fremd und doch vertraut erklingt.

Irgendwie ein bisschen von allem

Betont weiblich, aber nicht mehr ganz so anstrengend geht es mit Lera Lynn weiter. Die in Nashville beheimatete Singer/Songwriterin hat „Something More Than Love“ (Rough Trade) zu sagen, hält auf ihrem Album die Balance zwischen intimer Selbstreflexion und universellen Einsichten.

Die Songs sind behutsam instrumentiert, Digitales hält sich die Wage mit Analogem, und passen so bestens zur fragilen, zarten, weichen Stimme ihrer Protagonistin. Ist es Art-Pop, Indie-Folk, Chamber-Pop, Folk-Noir? Irgendwie ein bisschen von allem und bei all dem derzeitigen Sonnenschein tut ein wenig Schatten ja auch ganz gut.

Schweizer Liebes-Trouble

Die Schattenseiten des Lebens beleuchtete die sich AYU nennende Künstlerin bereits in diesem Frühjahr mit dem Album, „Waves“. Jetzt geht es auf „Double Trouble“ um das Verliebtsein – natürlich auch mit all seinen „Schattenseiten“. Die Lieder der Schweizerin sind deutlicher dem Pop zugetan, wobei sie eine gehörige Portion Electronica mit einbaut.

Ist die Vorgängerin eher eine Wald-Fee, fühlt sich AYU gesanglich in der Soul-Disco deutlich wohler. Bereits bemühte Vergleiche mit Portishead oder Massive Attack sind meiner Meinung nach etwas weit hergeholt, erstere sind deutlich dunkler und melancholischer, zweite deutlich rhythmischer.

17-jährige E-Pop-Schnecke

Wir bleiben auch mit KALI bei Adams (besserer) Rippe. Die erst 17-Jährige ist das Küken dieser Ausgabe, tritt aber mit ihrem mit Indie-Rock und Sixties-Pop garniertem Electro-Pop schon recht selbstbewusst auf und verhandelt darauf, was halt Adoleszenze in diesem Alter so bewegt: Geschichte von gefundener und verlorener Liebe. „Maltman And Effie“ (Nettwerk) heißt ihre neue EP. Auf das seltsame Cover-Foto angesprochen, sagt die Multiinstrumentalistin:

„The slug represents my cynical but monstrous conscience, blending both my light and darkness, which is also correlated with my gender identity being ambiguous. The [EP] title comes from a street in Silverlake, but in my head, it sounds like ‚Maltman‘ is my deviant and negative self-perception whereas ‚Effie‘ is my lighthearted stability. The slug mask represents the unity in opposites.“ Hört sich irgendwie schon verdammt erwachsen an, man sollte die Künstlerin also durchaus ernst nehmen.

Queerfeministischen Punk-Band

Das weibliche im Namen führen die Petrol Girls. Ihr „Baby“ (Cargo) ist laut, setzt sich die Punk-Band doch mit queerfeministischen Themen und der körperlichen Selbstbestimmung auseinander. Da bleibt kein Stein auf dem anderen, die Frauen wüten wie einst die Sex Pistols nie gewütet hatten und hauen eine Mitgröl-Hymne nach der anderen heraus.

Schobers unglaubliches Lexikon hochtrabender
Rock-Pop-Punk-Begriffe

Art-Pop: Hat seine Ursprünge nicht etwa im dritten Studioalbum von Lady Gaga. Als in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Grenzen zwischen Kunst und Popmusik verschwimmen, und John Lennon, Syd Barrett, Pete Townshend, Brian Eno und Bryan Ferry beginnen, sich von ihrem früheren Kunstschulstudium inspirieren zu lassen, ist eine Ausprägung des Art-Pop geboren. In den USA wird er von Bob Dylan und der Beat Generation beeinflusst und durch die Singer-Songwriter-Bewegung auch literarisch überformt. Die psychedelische Bewegung der 1960er Jahre bringt Kunst und Kommerz zusammen und stellt die Frage, was es bedeutet, Künstler in einem Massenmedium zu sein. In den frühen 1970er Jahre wird Progressive/Art Rock der kommerziell erfolgreichste Sound Großbritanniens.

Bossa Nova: Stilrichtung in der brasilianischen Musik und ein Tanzstil. Ursprünglich der Name einer Bewegung, die in den späten 1950er Jahren in Brasilien entstand. Als Geburtsort gilt Beco das Garrafas an der Copacabana. In einem sehr modernen gesellschaftlichen Klima wurde in der gebildeten Mittelschicht mit neuen Formen und Ausdrucksweisen in Musik und Film experimentiert. Als erster Bossa-Nova-Song gilt Chega de Saudade, geschrieben von Antônio Carlos Jobim (Musik) und Vinícius de Moraes (Text) und bekannt geworden in der Interpretation von João Gilberto (Single 1958 und anschließend gleichnamiges Album). Den weltweiten Durchbruch erzielte die Musik mit der Verfilmung Orfeu Negro von Marcel Camus (1958-59). Die Orpheus-Sage findet dort vor dem Hintergrund des brasilianischen Karnevals statt. Im Soundtrack kontrastiert eine Mischung aus schnellen Sambarhythmen neben sparsam arrangierten Gitarrenstücken von Luiz Bonfá und Antônio Carlos Jobim.

Call and Response: Ein musikalisches Muster, das auf dem Ruf (Call) eines Vorsängers und der darauf folgenden Antwort (Response) des Chors basiert. Dieses kurzphasige Responsorium gilt in weiten Teilen der musikwissenschaftlichen Literatur als ein charakteristisches musikalisches Merkmal traditioneller afrikanischer Musik und gehört zudem „als formbildendes Prinzip zu den elementaren Gestaltungsmitteln afro-amerikanischer Musik.“ Dieses Prinzip wurde in Nord- und Lateinamerika in verschiedenen afroamerikanischen Musikgenres von der vokalen auf die Instrumentalmusik übertragen, etwa auf Trommeln in der brasilianischen Musik.

DIY-Szene: Do it yourself, abgekürzt DIY, ist eine Phrase aus dem Englischen und bedeutet übersetzt Mach es selbst. Im musischen Sinn versteht man darunter das Konzept eines Sets von ästhetisch-ethischen Grundsätzen alternativer Musik.

Dub-Reggae: Ursprüngliche Reggae-Songs werden als Rohmaterial verwendet und mit Effekten versehen neu abgemischt. Eine Machart, die bereits in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren auf Jamaika entstand. Erlebt eine Wiedergeburt im Bereich elektronischer Tanzmusik.

Elektro-Boogie: Auch Electric Boogaloo, nicht zu verwechseln mit Onkel Martins Boogie-Woogie auf der Hammond-Orgel, ist eine um 1975 in Fresno (Kalifornien) entwickelte Tanzrichtung, die unabhängig in New York Blüten treibt und ein Element des Funk und des Streetdance ist. Die Old School des Hip-Hop-Tanzes, wird auf Robot reduziert, weil das Imitieren eines Roboters Teil der Performance ist. Eng verwandt ist der Electric Boogie mit Popping, weist aber auch signifikante eigene Bewegungen auf, wie etwa die Illusion von Wellen, die durch den Körper fließen (was häufig mit Popping gemischt wurde, um den „Electric Boogaloo“-Effekt zu verstärken).

Garagen-Psychedelic: Unterabteilung des Garage-Rock, Garage Punk oder Sixties Punk. Mit den letzteren wird ein nachträglicher Bezug zum Punkrock der 1970er Jahre hergestellt. Weitere alternative Bezeichnungen sind Freakbeat für überwiegend britische Bands sowie Acid Rock für die psychedelische Phase.

Garagen-Trash: Sind keineswegs die alten, verrosteten Benzinkanister, die im Zeitalter der E-Mobilität überflüssig sind, und die vergessenen Reste von Entfroster fürs Kühlwasser, also das Sammelsurium, das so in der Garage rumliegt, sondern ein Musikstil abgefuckter Punks, die keinen besseren Übungsraum als die Garage des Redneck-Dads am Stadtrand von Sydney finden, wo sich beispielsweise die Hard-Ons gründeten. The Trashwomen aus San Francisco beweisen, dass auch Frauen zu infernalischen Punk-Kakophonien in der Lage sind.

Glam-Rock: Ein weiteres Subgenre der Rockmusik, bei der sowohl die Musik als auch der Bühnenauftritt sehr opulent ausfallen. Glam Rock ist Anfang der 1970er Jahre besonders in Great Britain sehr populär – als Kontrapunkt zum Artrock von Pink Floyd, King Crimson, Yes oder Genesis. Erlebt in den 1980ern als Glam Metal eine Renaissance.

Grunge: Rockmusik-Genre und Subkultur, die klingt, wie sie heißt – zu deutsch „Schmuddel“, „Dreck“. Hervorgebracht durch die US-Undergroundbewegung in den 1990er-Jahren. Grunge, auch als Seattle-Sound, wird als Vermischung von Punkrock, Underground-Garagenrock und Hardrock beschrieben. Die frühe Grunge-Bewegung drehte sich um Seattles unabhängiges Plattenlabel Sub Pop und die Underground-Musikszene der Region.

Post-Punk: Taucht erstmals 1977 in dem britischen Musikmagazin Sounds auf, um die schrägen Töne von Siouxsie and the Banshees zu beschreiben. 1980 beschreibt der Kritiker Greil Marcus in einem Rolling-Stone-Artikel Bands wie Gang of FourThe Raincoats oder Essential Logic als „britische Postpunk Pop-Avantgarde“. Post-Punk gilt als experimentierfreudig und bunte Mischung aus Krautrock, des Dub, Disco und elektronischer Musik.

Proto-Punk: Adelstitel für die Wegbereiter des Punk und Erfinder minimalistischer Gitarren-Riffs wie The Velvet UndergroundMC5The DictatorsThe Stooges, die New York DollsThe MonksMott the Hoople oder The Sonics – bereits in der ersten Hälfte der 1960er-Jahre.

Sleaze-Rock: „Sleazy“ heißt so viel wie „schäbig“ assoziiert auch mit Abschaum. Sleaze Rock leitet sich vom Image der Sleaze-Rock-Bands ab, die eine rebellische Underdog-Mentalität pflegen und sich mit Tätowierungen, abgerissenen Lederjacken, zerrissenen Jeans und Netzhemdenvom Glam Metal abgrenzen. Dem Sleazerock wird vorgeworfen, altes Bier in neuen Fässern zu sein. Bands wie Guns N’ Roses, L.A. Guns oder Faster Pussycat vermischen Hardrock mit Elementen des Bluesrock, Metal, Garage Rock und Punkrock.

Wave: Kurzwort für New Wave, eine Dachbezeichnung für mehrere, mit der New Wave zusammenhängende Teilgebiete der Musik, die bspw. als Cold Wave, Dark Wave, Doom Wave, Electro Wave, Ethereal Wave und Gothic Wave bezeichnet werden. Seit der zweiten Hälfte der 1980er wird von der Musikpresse der Ausdruck „Post-Wave“ genutzt. Dieser bezeichnet das musikalische Output und die kulturellen Neuerungen nach dem Ausklingen der Wave-Ära. Da sich die Wave-Bewegung allerdings in verschiedene Strömungen und chronologisch voneinander abweichende Etappen gliedert (z. B. New Wave, Electro Wave, Cold Wave und Neue Deutsche Welle), erweist es sich häufig als schwierig, Post-Wave zeitlich zu erfassen. Grob umrissen wird dabei jedoch die Zeit ab den späten 1980ern mit dem Aufleben von Musikrichtungen wie Madchester, Shoegazing, Acid House, Techno, Grunge oder Britpop in Europa.

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