Die Mär vom Traumberuf, der viele Erzieherinnen ausbrennt und desillusioniert

Weiden. Es läuft einiges schief in den Kindergärten und Kindertagesstätten. Das Beispiel einer Erzieherin zeigt, wo die Probleme liegen.

Mehr Kinder, weniger Personal – so lässt sich die Situation in den meisten Kindergärten und -tagesstätten seit einigen Jahren zusammenfassen. Das Symbolbild zeigt eine Jahresschlussfeier des Kindergartens „St. Theresia“ Grafenwöhr. Archivfoto: Renate Gradl

Monika B. ist Erzieherin aus Leidenschaft. Seit gut 30 Jahren wickelt, putzt und füttert sie Mädchen und Buben im Alter von zwei bis sechs Jahren. Die Frau, selbst, Mutter dreier Kinder im Teeniealter, liebt ihren Beruf, für den sie einst fünf Jahre die Schulbank drückte. Immer ging sie gerne in die KITA, freute sich nach den großen Ferien auf den Start des neuen Kindergartenjahres. Seit einigen Jahren ist das nicht mehr so.

Arbeiten am Limit

Monika arbeitet an einem Kindergarten in der nördlichen Oberpfalz – und seit geraumer Zeit am Limit. „Es ist immer schlimmer geworden – vor allem auch seit Corona.“ Die Erzieherin will den Namen der KITA und ihren eigenen nicht lesen. Trotzdem ist es ihr ein Bedürfnis, die Sorgen und Nöte von Erzieherinnen und Pflegerinnen öffentlich zu machen. „Ich weiß von vielen Kolleginnen aus anderen Einrichtungen, dass es dort genauso oder sogar noch schlimmer zugeht.“

Schon unter normalen Bedingungen betreut heute jede Erzieherin mehr Kleinkinder, als Fachleute empfehlen. Fällt dann noch eine Kollegin wegen Krankheit, Fortbildung oder weil sie kündigt aus, ist schon mal eine Fachkraft für zehn unter Dreijährige zuständig. Kindgerecht wären maximal drei. Und so wickeln, putzen und bespaßen die Frauen, angetreten mit dem Ideal, individuell auf die Charaktere der Kleinsten einzugehen, im Akkord. Da müsse man schon mal etwas länger als eigentlich normal ignorieren, wenn einer schreit oder weint. „Wir können uns ja nicht zweiteilen.“

Nicht mehr möglich

Wenn nächste Woche das Kindergartenjahr 2022/23 offiziell beginnt, glauben die Eltern ihre Kleinen gut betreut und fachkundig gefördert. „Das korrekt zu leisten, ist aber nicht mehr möglich“, berichtet Monika B. aus der Normalität ihrer KITA. „Als ich vor 32 Jahren meine Ausbildung beendet und im ersten Kindergarten war, habe ich noch an einen sinnvollen und erfüllenden Beruf geglaubt.“ Auch in den Jahren danach sei das meiste noch in normalen Bahnen gelaufen. „Es waren ja fast alle Stellen besetzt.“ Das ist längst nicht mehr so.

Fachpersonal gesucht

Heute suchen viele Einrichtungen händeringend Fachpersonal. Und obwohl viele Politiker „mehr Wertschätzung“ und bessere Bezahlung für Erzieherinnen fordern, ist das nicht die Lösung aller Probleme. Dennoch wäre eine angemessene Bezahlung angesichts der fünfjährigen Ausbildung und der großen Verantwortung in diesem Job nicht ganz unwichtig. Monika: „Mit 1700 Euro netto kannst du keine Sprünge machen.“ Es gebe zwar immer noch Menschen, die glaubten, dass Erzieherinnen vor allem spielen und basteln, aber der Mehrheit sei schon bewusst, dass hinter dem Beruf eine anspruchsvolle Ausbildung und ein fordernder, nicht selten überfordernder Alltag stecke. Viele Erzieherinnen hat der Job krank gemacht und ausgebrannt.

Auf hohem Ross

Genau diese Probleme haben sich herumgesprochen. Die Suche vieler KITAS nach Fachkräften ist vergebens, weil längst viele Kandidatinnen wissen, welche Zustände in den Einrichtungen teilweise herrschen. Einen solch kräftezehrenden und oft auch nicht angemessen bezahlten Beruf wollen nur noch wenige ergreifen. Das einzig Gute daran sei, dass sich junge Erzieherinnen heutzutage die Arbeitsstelle aussuchen könnten, weiß Monika B. Dennoch hätten viele Einrichtungsträger die Zeichen der Zeit immer noch nicht erkannt. „Die sitzen immer noch auf ihrem hohen Ross und wollen nicht begreifen, dass sie bald herunterfallen werden, wenn sie nichts ändern.“

Geld vom Bund

Die Bundesregierung will den Ländern auch in den kommenden zwei Jahren knapp vier Milliarden Euro bereitstellen, um in die Qualität von Kitas zu investieren. Die Länder sollen dieses Geld einsetzen, um die Fachkraft-Kind-Relation zu verbessern. Sie könnte helfen, das Dilemma zumindest abzumildern: Ist eine Erzieherin für weniger Kinder zuständig, bleibt mehr Zeit zum Spielen, Trösten und – für die Betroffenen ganz wichtig – zum Durchatmen.

Desillusioniert und verbittert

Für Monika B. kommt dies womöglich zu spät. Sie hat ihre Stundenzahl bereits mehrfach reduziert – noch kürzer zu arbeiten, erlaubt der Arbeitgeber nicht. „Lieber höre ich ganz auf, wenn sich nichts Grundlegendes ändert“, sagt die Erzieherin, die einst geglaubt hatte, ihren Traumberuf gefunden zu haben, heute aber desillusioniert und verbittert ist. Auch wenn sie noch nicht genau weiß, wie sie dann über die Runden kommen soll. „Wenn meine Gesundheit erst ganz kaputt ist, hilft mir das Geld auch nichts mehr.“

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