Exklusiv Menschen

Früher Mönche, jetzt Geflüchtete: Notunterkunft Fockenfeld als Zuflucht und Spielplatz [mit Video]

Konnersreuth/Fockenfeld. Zuletzt wurde es ruhig in Kloster und Schloss Fockenfeld. Jetzt kommen Hunderte Frauen und Kinder in der Notunterkunft an. "Wir sind auf alles vorbereitet", sagen die Helfer vom BRK.

Wir gehen durch die Gänge des ehemaligen Klosters, Licht fällt durch die bunten Glasfenster, draußen liegt die weite Landschaft. Plötzlich kommt ein kleines Mädchen um die Ecke, auf rosa-weißen Inlineskatern fährt es auf uns zu, schlüpft zwischen unseren Beinen durch. Wir sehen noch den flauschigen Hundekopf, der ihren Rucksack ziert, dann ist sie auch schon wieder weg.

Auf den einst leeren Gängen kehrt Leben. Mehr als die Hälfte der 104 Bewohner sind Kinder. Bild: David Trott

Seitdem das Internat 2020 geschlossen hat, wurde es ruhig im Kloster Fockenfeld mit dem Schloss und seinen 100 Hektar Grund. Lediglich vier Pfarrer in der Ausbildung, sogenannte Spätberufene, wohnen noch hier. Ein paar Räume sind vermietet.

95 Prozent Frauen und Kinder

Seit 9. März kommt Leben ins das alte Kloster. Es wird belebt von Menschen, die vor dem Tod geflohen sind. 104 Geflüchtete aus der Ukraine sind dort untergekommen. Doch die Zahl ändert sich ständig. Die Notunterkunft ist nur eine Durchgangsstation.

Manche Geflüchtete sind nur ein paar Stunden hier, die meisten ein paar Tage, sehr wenige ein paar Wochen. Ziel ist, die Leute von hier auf feste Wohnungen zu verteilen. In Fockenfeld wohnen vor allem Frauen und Kinder, es gibt nur fünf oder sechs Männer. Mehr als die Hälfte der Bewohner sind Kinder, die meisten jünger als 14 Jahre.

Lukas Münster ist für die Koordinierung beim BRK zuständig. Von seiner Arbeit als Rettungssanitäter ist er freigestellt. Bild: David Trott

Das Team des Bayerischen Roten Kreuzes Tirschenreuth hat innerhalb von drei Tagen aus den leerstehenden Räumen einen Ort gemacht, an dem die geflüchteten Menschen richtig ankommen können. Lukas Münster ist beim BRK für die Koordination zuständig und die meiste Zeit vor Ort. Er erzählt, wie letzthin ein Bus mit Frauen und Kindern ankam, mitten in der Nacht. Sie hatten sich auf der langen Busreise vier Tage nur von Snacks ernährt.

Hier in Fockenfeld bekamen sie zum ersten Mal wieder eine warme Mahlzeit, ein eigenes Bett. Der Ort, der einst gebaut wurde für die innere Einkehr von Mönchen, ist für viele Ukrainerinnen und Ukrainer wohl der erste Ruhepunkt auf ihrer langen Flucht.

Keine klassische Turnhallen-Notunterkunft

60 bis 70 Zimmer stehen den Menschen zur Verfügung, informiert Gerald Wagner, der beim für die Kommunikation zuständig ist. Das Kloster ist keine klassische Turnhallen-Notunterkunft wie in Weiden und vielen anderen Städten.

Die Helferinnen und Helfer achten darauf, dass jede Familie ein eigenes Zimmer hat. Für sie ist der Reinigungsaufwand zwar höher als in einer Turnhalle, für die Menschen ist es vermutlich angenehmer.

Die Spendenbereitschaft ist stabil. Das BRK sorgt sich darum, wenn der „Hype“ vorbei ist. Bild: David Trott

Aus Gründen der Privatsphäre können wir nicht mit den Geflüchteten sprechen. Fockenfeld ist für sie nur ein kurzer Zwischenstopp auf einer langen Reise. Von dort kommen sie in Pensionen oder Wohnungen, oder reisen weiter in andere Teile von Deutschland oder der Welt. Doch auch das ist nicht ihr Ziel. Angekommen sind viele erst wieder, wenn sie dort sind, von wo sie aufgebrochen sind: In ihrer Heimat, der Ukraine.

Lukas Münster schätzt, dass etwa 95 Prozent der Ankommenden wieder zurückwollen, wenn der Krieg vorbei ist. Nur etwa 5 Prozent wollen sich hier ein neues Leben aufbauen. Was sollen sie in der Ukraine, ihre Häuser und alles andere seien ohnehin kaputt, sagten sie.

Wäscheständer voll Babykleidung

Als wir ankommen, wirkt es so, als wäre niemand da. Der Hof ist verlassen, die Gänge leer. Doch dorthin, wo die Menschen ihren Zimmer haben, gehen wir nicht hin. Nach der langen Flucht ist Ruhe und Privatsphäre wohl das wichtigste. Wäscheständer voll Babykleidung und bunten Klamotten künden von den Menschen. Der große leere Speisesaal mit den Kindersitzen, das Spielzimmer voll von Bauklötzen und Puzzleteilen, die gemalten Bilder an den Wänden, künden von den vielen Kindern. Und am Ende sieht man sie auch, wie sie über den Hof flitzen mit den gespendeten Fahrrädern.

Wenn man so dasteht und die Kinder spielen und lachen sieht, vergisst man kurz, warum sie hier sind. Doch sieht man die Mütter, die viel telefonieren oder ernst in die Ferne blicken, dann kommt man darauf, dass eine Personengruppe fehlt: die Väter. Die blieben zurück im Krieg.

Um den Alltag gemeinsam zu organisieren, gibt es eine gemeinsame Telegramgruppe. Die übersetzt automatisch in deutsch-ukrainisch. Es gibt viele Infozettel an der Wand und immer wieder Zeugnisse der vielen Kinder. Bild: David Trott

In Fockenfeld kommen Menschen mit Bussen an, die vom Ankerzentrum in Regensburg verteilt werden, doch auch viele Einzelpersonen. „Leute kommen zu jeder Tages- und Nachtzeit. Einmal stand mitten in der Nacht eine Frau vor der Tür. Sie hatte nichts anderes dabei als den Pass in ihrer Hand“, erzählt Münster.

Auch über Familienzusammenführungen landen Menschen hier. Das Rote Kreuz, das ja eine riesige internationale Organisation ist, verfügt über ein weltweites Suchregister. Das ist nötig, denn auf der Flucht werden Familienbünde oft getrennt. Auf diese Weise fanden etwa in Fockenfeld zwei ukrainische Schwestern mit ihren Kindern wieder zusammen.

Spielzeug gibt es für vielen Kinder genug, auch eine Kinderbetreuung. Das ist wichtig, nach dem Stress der Flucht. Bild: David Trott
Spielzeug gibt es für vielen Kinder genug, auch eine Kinderbetreuung. Das ist wichtig, nach dem Stress der Flucht. Bild: David Trott
Bild: David Trott
Bild: David Trott
Bild: David Trott
Bild: David Trott

Ingesamt 300 Geflüchtete hat die Notunterkunft in Konnersreuth schon aufgenommen. Dahinter steckt ein großer logistischer Aufwand. „Ihr müsst euch vorstellen, die Leute kommen ohne alles“, sagt Münster. Vom Duschgel über Klamotten bis Medikamente muss alles neu organisiert werden. Dann kommt natürlich noch die psychische Belastung. Für solche Fälle gibt es eine Notfallseelsorge, die 24 Stunden am Tag zur Verfügung steht.

Routine beim Roten Kreuz

Über Hilfsangebote kann sich das Rote Kreuz gerade nicht beschweren. Gerade gebe es genug Sach- und Geldspenden. „Das Problem ist üblicherweise, wenn der Hype abnimmt“, sagt Munster. Er bittet Spender und Freiwillige darum geduldig zu sein. Jetzt bestehe gerade ein großes Angebot, das sehe in zwei Monaten wieder ganz anders aus.

Obwohl die Situation für viele auch in Deutschland komplett ungewohnt ist, sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Roten Kreuzes routiniert. „Ob jetzt die deutsche Bevölkerung wegen eines Bombenfunds evakuiert werden muss oder Leute aus der Flucht kommen, die Strukturen sind dieselben“, sagt Gerald Wagner.

Was auch immer passiert, wir werden es auf jeden Fall bewältigen.

Gerald Wagner, BRK

Die Notunterkunft ist noch nicht voll ausgelastet. 200 Betten stehen zur Verfügung, 30 wären noch zusätzlich da. „Wir sind auf alles vorbereitet“, sagt Wagner. „Den Rest wird die Zeit zeigen.“ Wie lange die Notunterkunft bestehen wird, wieviel Menschen noch kommen, wann der Krieg enden wird, was danach kommt – niemand weiß das im Kloster Fockenfeld und wohl auch auf dem Rest der Welt nicht. Doch Wagner begegnet diesen unsicheren Fragen mit professioneller Gelassenheit: „Was auch immer passiert, wir werden es auf jeden Fall bewältigen.“

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