Plädoyer für russische Kultur: Weder Russlanddeutsche noch russische Kultur sind Schuld an Putins Krieg

Weiden. Wer, wenn nicht wir Deutschen, können uns besser vorstellen, wie man sich als weltgeschichtlicher Paria fühlt? Nach den Gräueln des NS-Regimes wurde alles, was deutsch ist, hinterfragt. Wir sollten mit den bei uns lebenden Deutschrussen, die nach einer aktuellen Studie zu 91 Prozent Putins Krieg ablehnen, nicht den gleichen Fehler machen. Ein Plädoyer unseres Kulturkolumnisten für die russische Kultur.

Russland führt einen brutalen Angriffskrieg gegen die Ukraine und kommt mit seinen Kriegsverbrechen selber ins Visier, ins Fadenkreuz auch der kulturellen Beobachtung.

Ältere Zeitgenossen kennen noch die Berichte der Wehrmachtssoldaten, zurückgekehrt aus der Kriegsgefangenschaft, die mit Abscheu über die Gräueltaten der Roten Armee, auch über die Brutalität gegen eigene („primitive und unwissende“) Soldaten berichteten, freilich nicht unbedingt zugleich über die Gräueltaten der Wehrmacht.

Kein Mitleid mit Putin-Karrieristen

Aber auch die Kriegsuntaten der US-Army in nicht immer weit zurück liegenden Kriegen kommt wieder in die Diskussion. Der amerikanische Folterskandal von Abu Ghraib beispielsweise. Richtig so. Heute wird allerdings russische Kunst aus dem Programm genommen.

Künstler, wenn sie sich nicht vom Krieg und/oder Putin distanzieren mögen, entlassen. Mein Mitleid mit Putin-Karrieristen hält sich in Grenzen. Aber die russische Kultur an sich? Ist die jetzt gleich zu setzen mit Putin, seinen Spießgesellen und den Russen als Profiteuren dieser brutalen Aggression?

Nabokovs Pnin

Der aus dem revolutionären Russland geflüchtete Vladimir Nabokov, dessen Bruder von den deutschen Nazis ermordet wurde, einer der größten Schriftsteller aller Zeiten, für mich, hat eine wunderbare Figur erfunden, die da wie dort russisch und vielleicht zugleich auch amerikanisch ist und sowieso ein individueller Mensch, der genauso betrachtet und bewertet werden will.

Nabokovs Professor Timofey Pnin lehrt am unbekannten College von Waindell, USA, seine Heimat- und Muttersprache Russisch. Er ist ein Verlierer, also einer, der etwas auf dem Weg zurück lässt, unfreiwillig, jedoch immer wieder. Er gibt ab und auf und muss alsbald schon wieder weiter. Er verliert vor der Zeit seine geliebten Eltern an den Tod, seine Heimat St. Petersburg an die Bolschewiki, seine zweite Heimat an die Wehrmacht, seine Geliebte an SS-Schergen, seine Frau an einen anderen Mann.

Go West

Pnin ist schrullig und zugleich très charmant. Zugfahrten zu Vorträgen vor Damenkränzchen werden ihm zur halsbrecherischen Odyssee. Das Gehen durch Universitätsflure zu strategischen Abenteuern. Er kann sich mit der 50er-Jahre-Kultur Amerikas, wohin er endlich in Sicherheit gelangt ist, mit der aus bürgeradeliger Sicht Un-Kultur der USA, nur schlecht anfreunden.

Er freut sich andererseits an den typisch amerikanischen Dingen, an seinem Auto zum Beispiel, das ihm letztlich erneut eine „Flucht“ und einen Neubeginn ermöglicht. Damit ist Pnin, der kauzige russische Exot für die USA geradezu typisch. Typisch für das Land der ewigen Pioniere und Frontiers, die immer aufbrechen und wieder zu „Selfmade Men“ werden. Go west.

Wunderbare Hörbuchfassung

Nabokov ist trotz seiner teils wehmütig kultivierten Großbürgerlichkeit einer der wichtigsten Geschichten-Erzähler von Randexistenzen: „Lolita“ war ein echtes Skandalbuch (und Film) und das wäre es heute auch. Ein gescheiterter, suizidaler Schachgroßmeister ersteht aus Nabokovs Feder, andere Verlorene tauchen auf. Am liebsten habe ich Professor Timofey Pnin gewonnen. Die Gestalt der humanistisch-akademischen Figur, die selbst umkehrenden Bedeutungen, wenn man als Leser ins Grübeln über die möglichen Interpretationen kommt.

Wenn man also den packenden Erzählfluss (beim zweiten Lesen) auch mal unterbricht oder fast noch besser, die wunderbare Hörbuchfassung mit Ulrich Matthes‘ kongenialer Stimme (in der Fassung des SFB als Hörbuch des Jahres 2002 und 2003 ausgezeichnet) machen es leicht, mit Nabokov „verwandt“ zu werden. Ich meine, „Fahles Feuer“, „Lushins Verteidigung“, „Das wahre Leben des Sebastian Knight“ und andere Romane sind nicht schwieriger, nur eben nicht so leichtfüßig tragisch, wie Pnin.

Pnin, das Gegenmodell zu Putin?

Und aktuell nicht uninteressant, Professor Timofey Pnin scheint mir, das nicht leicht überbietbare russische Gegenbeispiel zu Geheimdienstoffizier Wladimir Wladimirowitsch Putin zu sein. Spiegelverkehrt? Antiheld? Ja, vielleicht, könnte sein. Vielleicht brauchen wir wieder, wie nach dem Weltkrieg, Antihelden, statt starker Männer?

Stationen eines politischen Künstlerlebens

1954: Das Wunder von Altenstadt/Waldnaab ist ein „Weltmeisterjahrgang“.

Kindheit: Das freudig begrüßte Arbeiterkind ist geprägt vom Glashütten-Milieu seines Vaters. Im Kindergarten Premiere als Schauspieler, Begeisterung für Theater und Kunst erwacht.

Schule: Krumme Schullaufbahn über Keplergymnasium Weiden, BOS Regensburg bis zum FOS-Abitur im Bereich Gestaltung.

Sozialer Unternehmer: Der Gründer des legendären Kartenhauskollektivs in Regensburg leitet als Primus inter Pares den Verlag mit Druckerei von 1979 bis 1986.

Ausbruch: Nach halbjährigem London-Aufenthalt 1986 ist er als freiberuflicher Künstler unterwegs.

Über 100 Ausstellungen: Unter anderem in New York, Addis Abeba, Italien, Finnland, Polen und Tschechien.

Galerien: Seine Werke hängen in renommierten Galerien, wie Rudi Pospieszczyk in Regensburg, Axel Holm in Ulm, Otto van de Loo in München, Galerie Räber in Zürich, Galerie Slama in Klagenfurt oder Galerie Deschler in der Berliner Auguststrasse.

Messen: Ausstellungen auf Kunstmessen in Köln, Karlsruhe und Wien.

Museumsausstellungen: Als Solist, mit seinem Künstlerfreund Jan Pruski (Olsztyn, Masuren), als Mitglied der Künstlergruppe „Warum Vögel fliegen“ und dem Kunstverein GRAZ.

Veröffentlichungen: Herausgeber von mehr als einem Dutzend „Bilder-Lese-Büchern“ und Verfasser des fantastischen Debütromans Hiobertus, der in seiner zunehmend surrealen Flucht an Carl Einsteins kubistischen Roman „Bebuquin oder die Dilettanten des Wunders“ erinnert.

Politik: 12 Jahre Regensburger Stadtrat von 2008 bis 2020, sechs Jahre Umwelt-Bürgermeister in der Ära Wolbergs, den Huber als „schlampiges Genie“ in Schutz nimmt, „der Regensburg von bleierner gesellschaftlicher Lähmung“ befreit habe.

Heimat und Fremde: Nach einem längeren Aufenthalt in Mailand und langjährigem Zweitwohnsitz in Berlin lebt Huber heute in Schönsee (Landkreis Schwandorf) an der tschechischen Grenze. Kunstphilosophie von Karl Valentin inspiriert: „Kunst ist schön, macht aber Arbeit.“ Was er an seinem Genre liebt: „Man erfindet dabei die Welt – im Auge des Betrachters erst ganz und gar.“

Deine Meinung? Hier kommentieren!

* Diese Felder sind erforderlich.