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Dramatischer Anstieg der Kunden: Mitterteicher Tafel bangt um die Zukunft

Mitterteich. Die Tafeln versorgen derzeit so viele Menschen wie noch nie. Das ist bei der Mitterteicher Tafel, die jetzt 15 Jahre alt wird, nicht anders. Vorsitzende Nicole Fürst kann davon ein Lied singen.

Resi Greger (links) und Silvia Härtl gehören schon fast zum
Resi Greger (links) und Silvia Härtl gehören schon fast zum „Inventar“ der Tafel. Foto: Udo Fürst
Auch Anni Riedl und Petra Roth arbeiten seit Jahren ehrenamtlich für die Tafel. Foto: Udo Fürst
Auch Anni Riedl und Petra Roth arbeiten seit Jahren ehrenamtlich für die Tafel. Foto: Udo Fürst
Sie sorgen mit weiteren Fahrern dafür, dass die gespendeten Lebensmittel zuverlässig zur Tafel kommen: Werner Dekrell (links) und Johann Kamm. Foto: Udo Fürst
Sie sorgen mit weiteren Fahrern dafür, dass die gespendeten Lebensmittel zuverlässig zur Tafel kommen: Werner Dekrell (links) und Johann Kamm. Foto: Udo Fürst
Udo Fürst
Udo Fürst
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Immer mehr Menschen in Deutschland leben in Armut. Bei den Tafeln wird ihre schwierige finanzielle Lage dramatisch sichtbar: Die Zahl der Tafel-Kundinnen und -Kunden hat sich aufgrund von Inflation, Pandemie und Kriegsfolgen seit Jahresbeginn um etwa die Hälfte erhöht. Damit suchen deutlich über zwei Millionen armutsbetroffene Menschen Unterstützung bei der Ehrenamtsorganisation – so viele wie nie zuvor.

Aktuell verteilen beinahe alle Tafeln gespendete Lebensmittel an mehr Personen: 60,71 Prozent der Tafeln verzeichnen einen Zuwachs von bis zu 50 Prozent bei ihrer Kundschaft; 22,6 Prozent der Tafeln unterstützen bis zu doppelt so viele Menschen wie noch vor einem halben Jahr. Bei 7,59 Prozent hat sich die Zahl der Kundinnen und Kunden verdoppelt und bei 8,94 Prozent sogar mehr als verdoppelt.

180 ukrainische Familien registriert

Bei der Mitterteicher Tafel hat sich die Zahl der Abholer laut Tafel-Vorsitzender Nicole Fürst seit dem Krieg in der Ukraine und der daraus resultierenden Flüchtlingssituation fast verdoppelt. Zurzeit habe man 180 ukrainische Familien zwischen einer und sechs Personen registriert. Insgesamt leben derzeit circa 860 Menschen aus der Ukraine im Landkreis Tirschenreuth, davon 138 in der Flüchtlingsunterkunft Fockenfeld.

„Und fast alle anderen Ukrainer kommen zur Tafel“, sagt Fürst. „Wenn Fockenfeld geschlossen wird und alle zur Tafel kommen, sind das noch einmal 45 Familien mehr. Dann wird es bei Obst und Gemüse richtig eng. Von der Arbeitsbelastung unserer Helfer möchte ich gar nicht reden.“

Viele Einheimische bleiben der Tafel fern

Leider beobachte man, dass deshalb wie zur Zeit der syrischen Flüchtlinge viele Einheimische der Tafel fernblieben. Lange Wartezeiten vor der Ausgabe, bedingt auch durch Corona-Maßnahmen, und das weniger werdende Lebensmittelangebot halte anscheinend einige vom Tafelbesuch ab.

„An manchen Tagen sind 90 Prozent unserer Abholer Ukrainer.“ Prozentual teilten sich die Abholer wie folgt ein: 50 Prozent Ukrainer, 30 Prozent Deutsche, 20 Prozent Migranten aus Syrien oder Afghanistan.

Angst um Zukunft

„Die Tafeln sind am Limit und berichten, dass viele Menschen zu ihnen kommen, die bisher gerade so über die Runden gekommen sind und zum ersten Mal Hilfe in Anspruch nehmen müssen“, sagt Jochen Brühl. Jede dritte Tafel musste den Angaben zufolge einen Aufnahmestopp einführen. Es fehlten Lebensmittel oder Ehrenamtliche, um allen zu helfen.

Ähnlich ist die Situation in Mitterteich. Zusammen mit den Außenstellen Erbendorf und Kemnath arbeiten circa 35 bis 40 Ehrenamtliche für die Tafel. „Für die Zukunft wird mir allerdings Angst, was das ehrenamtliche Personal betrifft. Das Durchschnittsalter unser Helfer ist schon im oberen Bereich und junge Menschen finden sich für ehrenamtliche Tätigkeiten immer weniger. Bei uns eigentlich gar nicht. Das ist vielen zu unattraktiv, weil eben ehrenamtlich“, redet die Vorsitzende Klartext.

„Es wird schwierig“

Wie sieht es bei der Belieferung der Tafel durch Lebensmittelmärkte, Discounter und Betriebe aus? Fürst: „Noch bekommen wir ausreichend Waren. Es wird aber immer knapper. Engpässe haben wir vor allem bei Obst, Gemüse, Joghurt und Milchprodukten.“ Man sei jetzt wieder dazu übergegangen, fertige Lebensmittelpakete zu packen. So sei immerhin gewährleistet, dass auch der letzte Abholer noch Lebensmittel bekomme, wenn auch insgesamt weniger.

Ist zu befürchten, dass man eines Tages nicht mehr allen Bedürftigen helfen kann? „Die Gefahr besteht bereits jetzt. Bei einer Schließung der Fockenfelder Unterkunft wird es sehr kritisch. Dann kommen auch diese Flüchtlinge zu uns. Vor dem Herbst habe ich richtig Angst.“

Dann machten sich die gestiegenen Energiekosten und höheren Lebensmittelpreise bei der Bevölkerung bemerkbar. „Menschen, die sich eh schon am finanziellen Limit bewegen, bewältigen das nicht mehr.“ Sie rechne dann auch wieder mit einem verstärktem Zulauf einheimischer Abholer. „Ob wir dann alles schultern können? Es wird sehr schwierig“, befürchtet die Tafel-Vorsitzende.

Gebührende Anerkennung

Welche Möglichkeiten sieht Fürst, dem Problem Helfermangel Herr zu werden? „Die Arbeit unserer Mitarbeiter muss endlich gebührend anerkannt werden.“ Für ehrenamtliche Arbeit müsse es zumindest Rentenpunkte geben. „Ich wünsche mir auch Steuererleichterungen für die Tafeln. Dazu gehören keine Kfz-Steuer für unsere Fahrzeuge, die Mehrwertsteuerbefreiung bei Rechnungen, Kostenübernahme von Mieten und Fahrzeugen – ähnlich wie bei den Feuerwehren oder beim Roten Kreuz.“

Tafel-Mitarbeiter bekämen keinerlei Lohn, die Tafel finanziere sich komplett durch Mitgliedsbeiträge, Spenden und die ehrenamtliche Arbeit. „Das Ehrenamt muss attraktiver werden, ohne Ehrenamt gehen in Deutschland die Lichter aus“, wird Fürst deutlich.

Tag der offenen Tür

Trotz aller Probleme: Am Sonntag, 31. Juli, feiert die Mitterteicher Tafel ihren 15. Geburtstag mit einem Tag der Offenen Tür. Ab 11 Uhr kann man in das neue Tafel-Domizil in der Carl-Zeiss-Straße kommen. Auf dem Programm stehen die Besichtigung der Räume oder Zumba zum Mitmachen. Die „Stiftlandgriller“ sorgen für das deftige leibliche Wohl und außerdem gibt es Kaffee, Kuchen und andere Getränke. Der Erlös kommt der Mitterteicher Tafel zugute.

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