1812 Original: Der süffige Markenkern der Schlossbrauerei Hirschau [mit Video]

Hirschau. Er ist die achte Generation einer Bier-Dynastie: Mit zarten 25 Jahren schlägt Sebastian Dorfner ein neues Kapitel in der Geschichte der Schlossbrauerei Hirschau auf. Sein Credo: „Wir sind eine kleine Familienbrauerei, die echtes Craftbier braut.“ Craft heißt nichts anderes als Handwerk. „Und das beherrschen wir seit 1812.“

Unternehmensnachfolgen sind selten einfach. Nur wenige Patriarchen verzichten so einfach aufs letzte Wort. Und die Juniorchefs lassen sich nur ungern von der erfahrenen Vätergeneration dreinreden. Nicht so bei den Dorfners. „Wir hatten ein Übergangsjahr“, erzählt Sebastian Dorfner entspannt. Der Deal dabei: „Solange der Vater Chef ist, sage ich meine Meinung, und er macht, was er für richtig hält.“ Seit Januar dieses Jahres hat er selbst die Brauhosen an: „Jetzt ist es umgekehrt.“

Vater Franz, der bald das Müntefering‘sche Rentenalter von 67 erreicht, hilft mit. „Aber ich darf meine eigenen Fehler machen.“ Und Sohn Sebastian hat mächtig Respekt vor der Leistungsfähigkeit des Seniors: „Was der alles schafft, ist immens – jetzt kann er sich erholen, und es macht ihm sichtlich Spaß, dass es weitergeht.“ Weiter geht es nicht nur in der achten Generation mit der Schlossbrauerei Hirschau – sondern auch mit dem süffigen Markenkern der Dorfners: dem 1812 Original, einem hellen Lagerbier nach 210 Jahre altem Rezept.

Sebastian Dorfner im gemütlichen Bräustüberl der Schlossbrauerei Hirschau. Bild: Jürgen Herda

Die Schlossherren Dorfner

Schlossbrauerei ist in Hirschau nicht nur ein hübscher Titel. Der Name hat Substanz: „Unsere geschäftstüchtigen Vorfahren sind um 1700 aus Friaul eingewandert“, erzählt Sebastian Dorfner, „und Andreas Dorfner konnte 1812 die meisten Anteile am Kommunbrauhaus kaufen.“ Kurz darauf hat er auch noch das Schloss zu einem günstigen Preis erworben und 1817 zur Brauerei umgebaut.

Ein Prachtbau, der nach dem Brand des bedeutenden Pflegeschlosses Kaiser Karls IV. an selbiger Stelle 1478 wiederaufgebaut worden war – und 1968 beinahe erneut dem Feuer zum Opfer fiel: „Ein Betrunkener hat fast das gesamte Gehöft in Brand gesetzt“, sagt Dorfner und zeigt auf die wenigen noch stehenden Gebäude.

Zum Glück stand da schon längst der Neubau aus dem gleichen Jahr gleich nebenan. Seit der Renovierung der Schlossgaststätte im Jahre 1987 unterhält Sebastians Onkel Clemens in Teilen des Gemäuers ein Restaurant und Hotel mit zwölf Zimmern.

Da laufen sie:
Da laufen sie: „Flasche leer“ ist bald vorbei: Abfüllvorgang in der Schlossbrauerei Hirschau. Bild: David Trott
„Flasche leer“ ist bald vorbei: Abfüllvorgang in der Schlossbrauerei Hirschau. Bild: David Trott
Konzentrierter Abfüllvorgang in der Schlossbrauerei Hirschau. Bild: David Trott
Konzentrierter Abfüllvorgang in der Schlossbrauerei Hirschau. Bild: David Trott
Mission accomplished: Das köstliche Nass ist sicher abgefüllt in der Schlossbrauerei Hirschau. Bild: David Trott
Mission accomplished: Das köstliche Nass ist sicher abgefüllt in der Schlossbrauerei Hirschau. Bild: David Trott
Da laufen sie:
Konzentrierter Abfüllvorgang in der Schlossbrauerei Hirschau. Bild: David Trott
Mission accomplished: Das köstliche Nass ist sicher abgefüllt in der Schlossbrauerei Hirschau. Bild: David Trott

Gleich als Krisenmanager gefordert

Es gibt bessere Momente, um eine Brauerei zu übernehmen: „Ich bin gleich mal während der Corona-Krise eingestiegen“, erzählt er mit Galgenhumor. „Uns hat vor allem die Absage der Feste und über Monate ganz oder teilweise geschlossene Wirtshäuser getroffen.“ Die Folge: ein Absatzrückgang von rund 1.000 Hektolitern, einem Viertel des durchschnittlichen Jahresbierabsatzes. „Wir sind hier ja Kirwa-Hochburg“, erklärt Dorfner.

Trotz aller Widrigkeiten ist dem jungen Brauereichef für die Zukunft nicht bange. Mit seinen zehn Mitarbeitern einschließlich Braumeister und Bierfahrer möchte er den Umsatz von Vor-Corona-Zeiten möglichst bald wieder erwirtschaften. Die zunehmende Zurückhaltung beim Bierkonsum selbst in Bayern nimmt er gelassen: „Der Rückgang des Bierkonsums ist auch in Teilen der Rückbesinnung auf regionale Produkte geschuldet“, sagt der in Weihenstephan studierte Brau- und Getränketechnologe, der schon als 15-Jähriger ein Praktikum beim Bierriesen Veltins im Sauerland absolvierte.

Biersommelier: Auch das Ohr trinkt mit

Die Schlossbrauerei will erst gar nicht den Massengeschmack bedienen: „Wir haben einen Radius von vielleicht 25 Kilometern.“ Das Sortiment von zehn festen Sorten und diversen wechselnden Saisonbieren ist auf den Gaumen Oberpfälzer Feinbierschmecker abgestimmt. Und als Biersommelier weiß Dorfner, dass geschmacklich mehr im Gerstensaft steckt als nur Hopfen und Malz: „Da hat sich schon manch geübter Biertrinker bei der Verkostung nach der Brauereiführung überraschen lassen“, sagt er süffisant. Erst rät er den Testtrinkern, in das Bier reinzuriechen: „Pils riecht hopfiger, Dunkles süßer.“

Dann gilt es, die Farbe von Gold über Bernstein bis zu Pechschwarz zu würdigen. Man höre und staune: Auch das Ohr trinkt mit! „Je lauter das Bier, desto schlechter die Qualität“, doziert der Kenner. „Weil die Schaumbläschen zerplatzen.“ Jetzt endlich darf auch gekostet werden: „Unser Hefeweizen hat einen super Bananengeschmack, das Pils hinterlässt eine lange Hopfennote am Gaumen. Zum Schluss das etwas stärkere Märzen, das traditionell als letztes gebraut wird, um im Sommer länger zu halten.“

Craftbier aus Hirschau: Der Börbock lagert im Bourbon-Whiskey-Fass. Bilderkombi: Jürgen Herda

Von wegen Craft: Mandarin und Börbock

Zum mittlerweile auch schon in die Jahre gekommenen US-Trend „Craft“-Bier hat Dorfner Junior ein zwiespältiges Verhältnis: „Craft heißt ja nichts anderes als Handwerk, und das betreiben wir regionalen Bierbrauer schon immer.“ Für die Amerikaner sei das ein Aha-Erlebnis gewesen: „Die wussten gar nicht, dass Bier auch anders schmecken kann als ihre dünne Industrieplörre.“ Andererseits: Als akademischer Brauingenieur hat Sebastian nichts gegen Experimente.

Das Ergebnis: zwei Hochprozentige (um die 8 Prozent Alkohol, 17,8 Prozent Stammwürze) mit Namen, die als Huldigung einer chinesischen Region und einer deutschen Außenministerin missverstanden werden könnten. Das kaltgehopfte helle Bockbier Mandarin stammt allerdings keineswegs aus dem Reich der Mitte, sondern verdankt sein Etikett dem Hopfen Mandarina Bavaria – Dorfners feine Nase erkennt hier Aromen von fruchtigen Mandarinen und reifen Stachelbeeren.

Und beim ebenfalls hellen Börbock stand nicht Annalena Pate, sondern das lautmalerisch bavarisierte Bourbon-Whiskeyfass aus Eiche, aus dem es eingelagert außer süßlichen Whiskey-Aromen zusätzlich Noten von Vanille- und Kokos-Aromen saugt.

Zum Jubiläum das Drei-Generationen-Märzen

Zum 210-Jährigen der Brauerei tüfteln die Dorfners gerade an einem drei-Generationenbier: „Im Januar haben wir ein dunkles, bernsteinfarbenes Märzen eingebraut“, sagt Sebastian händereibend, „das reift gerade im Keller – Mitte April ist es fertig.“

Die knapp 90-jährige Oma durfte den Bierstil festlegen, Vater und Sohn suchten jeweils zwei besonders Malze und Hopfen aus, die sie sonst nie verwenden. „Wir haben am Wochenende erst wieder probiert“, flüstert er genießerisch, „noch fehlt die perfekte Ausreifung, aber es wird immer leckerer.“

Sebastian Dorfner vor Bierkästen-Wolkenkratzern: Die Schlossbrauerei Hirschau füllt auch für andere regionale Brauereien ab. Bild: Jürgen Herda

210 Jahre „Schlossbrauerei Hirschau“-Geschichte

20. Dezember 1812: Andreas Dorfner erwirbt das private Braurecht, setzt den ersten Sud an.

1817: Der Ur-Dorfner erwirbt das Pflegschloss und baut es zur Brauerei um.

1825: Sohn Florian Dorfner übernimmt die Brauerei und macht sich als Bürgermeister, Landtagsabgeordneter und Mitstifter des Hirschauer Krankenhauses einen Namen.

1863: Neffe Johann Sebastian Dorfner übernimmt die Brauerei.

1874: Sohn Josef Vitus Dorfner tritt das Bier-Erbe an.

1914: Franz Karl Dorfner übernimmt die Leitung der Brauerei.

1943: Nach dessen Tod führt seine Frau Magdalena Dorfner die Geschäfte weiter.

1955: Franz Dorfner tritt auf den Bier-Plan.

1967: Neubau der Brauerei hinter dem Schlossgelände.

1980: Franzens Gattin Rita Dorfner leitet nach dessen Tod die Brauerei.

1994: Seniorchef Franz Dorfner greift ins Braugeschehen ein.

1. Januar 2022: Übergabe an Sohn Sebastian Dorfner – Sebastian, den Zweiten einer langen Ahnengalerie.

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