Bilanz zum Selbstversuch – kann man in Deutschland klimaverträglich leben?
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Bilanz zum Selbstversuch – kann man in Deutschland klimaverträglich leben?
Tirschenreuth. Es ist geschafft, die CO2-Fastenstaffel hat ihr Ziel erreicht. 25 Klimaschutzmanagerinnen und Klimaschutzmanager aus der Europäischen Metropolregion Nürnberg haben vom 01.03. bis zum 15.04. CO2 gefastet. Dr. Susanne Stangl, die im Landkreis Tirschenreuth für die Themen Klimaschutz und Energie zuständig ist, war mit dabei.
Der Staffellauf war zwar virtuell, aber deshalb nicht weniger anspruchsvoll und mitunter auch schweißtreibend. Bei diesem Selbstversuch verpflichteten sich alle Teilnehmenden, den eigenen Lebensstil mit Hilfe einer CO2-Bilanz zu hinterfragen und sich als „Fastenopfer“ Dinge vorzunehmen, mit denen der eigene, klimaschädliche Fußabdruck weiter verkleinert werden kann. Zum Erfahrungstausch wurde ein Internet-Blog eingerichtet. Darin wurde täglich der „Staffelstab“ an eine neue Person weitergegeben, die dann am nächsten Tag ihre persönlichen Ziele und Erfahrungen in einem Blogbeitrag schilderte. Durch die Kommentare der Beteiligten und weiterer Interessierter entstand ein reger Austausch.
Die Resonanz war groß, die selbstgestellten Herausforderungen ebenfalls. Es wurde geradelt statt Auto gefahren, die Ernährung auf klimaverträglichere Produkte umgestellt oder der Konsum reduziert. Bei dem Selbstversuch wurden neben den klassischen Klimaschutzthemen wie Mobilität, Heizen und Stromsparen aber auch ganz spezielle Bereiche unter die Lupe genommen: So baute ein Blogger eine eigene Mini-PV-Anlage fürs Laden von Smartphone und Co., andere mischten torffreie Blumenerde, testeten müllfreie Hygieneprodukte oder errechneten den CO2-Pfotenabdruck von Katzen, Hunden und weiteren Haustieren.
„Ich hatte meinen Fokus bei der Aktion auf Mobilität und Wohnen gelegt, weil ich denke, dass dies die Schlüsselthemen des Klimaschutzes sind, hier müssen jetzt die Weichen gestellt werden, um die langfristigen Ziele des Pariser Abkommens noch erreichen zu können. Beide Themen sind gerade auf dem Land von enormer Wichtigkeit, deshalb versuchen wir im Landratsamt derzeit insbesondere die Bereiche Energieeffizienz und Elektromobilität voranzubringen“, erklärt Dr. Susanne Stangl.
Dabei entstand ein enormer Fundus an guten Ideen und praktischen Beispielen für Klimaschutz-maßnahmen im Alltag, der auf der Webseite www.co2fasten.wordpress.com dokumentiert ist. Eines machte die Aktion ganz deutlich: Jeder Lebensbereich hat Auswirkungen auf den individuel-len Ressourcenverbrauch und häufig kann man schon durch kleine Maßnahmen durchaus viel erreichen.
CO2-Ersparnis und Erkenntnisgewinn
Laut Umweltbundesamt beträgt aktuell der durchschnittliche CO2-Ausstoß pro Bundesbürger rund 12 Tonnen pro Jahr. Um das Ziel des Pariser Klimaschutzabkommens zu erreichen und die Erwärmung der Erde auf 1,5 Grad zu begrenzen, darf bis 2050 jeder Erdenbürger nur noch eine Tonne CO2-Emissionen verursachen. So machten auch die Klimaschutzmanager zu Beginn jeweils ihre persönliche CO2-Bilanz und stellten fest, dass sie in der Regel zwar deutlich besser abschneiden, aber noch Meilen vom angestrebten Ziel der einen Tonne entfernt sind.
Der Selbstversuch zeigte auf, wo noch Verbesserungsbedarf besteht, so können energiefressende Elektrogeräte ersetzt, die Raumtemperatur gesenkt oder Ökostrom bezogen werden. Er hat aber auch verdeutlicht, dass es aktuell in Deutschland selbst mit den größten Bemühungen nicht möglich ist, einen dauerhaft klimaverträglichen Lebensstil zu führen. Alle sind eingebunden in eine Gesellschaft, in ein globales Wirtschaftssystem mit Warenflüssen und Infrastrukturen wie Straßen, Stromnetzen oder Kommunikationstechnologien. Dies alles hat auch Auswirkungen auf den persönlichen Ressourcenverbrauch und CO2-Fußabdruck.
Am Ende stellt sich die Frage: Ist ein Wirtschaftssystem, das auf immer mehr Wachstum ausgelegt ist, dauerhaft zu verantworten in einer begrenzten Welt? „Klimaschutz und ein ressourcenschonendes Leben sind eine Daueraufgabe. Die Herausforderungen enden auch für uns nicht mit Ablauf der Fastenzeit. Umso mehr war diese Aktion wichtig für mich, um meine Motivation erneut anzustoßen und neue Ideen für den Klimaschutz sowohl im Alltag als auch für meine Tätigkeit im Regionalmanagement zu gewinnen. Denn eines ist klar, um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen, muss der Klimaschutz raus aus der Amtsstube und mitten rein ins Leben“, zieht Dr. Susanne Stangl ihr persönliches Fazit.
Thema Klimaschutz muss raus aus der Amtsstube
Positiv fällt auf, dass der Blog in den Gebietskörperschaften zu deutlichen Reaktionen geführt hat. Lokale Medien haben zum Teil ausführlich berichtet, die Involvierten wurden im Kollegen- und Freundeskreis auf die Aktion angesprochen und die CO2-Fastenstaffel wurde sogar zum Stammtischgespräch.
Doch das Projekt wurde nicht nur lokal wahrgenommen. Der Blog verzeichnet über 15.000 Aufrufe bei mehr als 2.500 Leserinnen und Lesern. Die täglichen Beiträge wurden zwischen 200 und 600-mal aufgerufen und mit über 300 konstruktiven und fachlich fundierten Kommentaren ergänzt. Die Nutzerstatistik verzeichnet Abonnenten unter anderem aus Deutschland, den USA, der Schweiz, Spanien, Luxemburg, Tansania, Neuseeland, Schweden, Österreich und Irland. Natürlich gab es zur Fastenaktion auch kritische Stimmen. So wurde bemängelt, dass einige Tipps nicht von Menschen mit geringem Einkommen umgesetzt werden könnten, Vertreter der regionalen Landwirtschaft kritisierten, dass die proklamierte Reduzierung des Konsums von Fleisch und Milchprodukten die regionale Wertschöpfung beeinträchtige und der Blog wurde von manchen als zu exklusiv und elitär wahrgenommen. Aber die Kritik war durchaus erwünscht und führte zu einem weiteren wichtigen Erkenntnisgewinn, der hilfreich bei einer Fortsetzung der Aktion sein wird.
Potenzial zur Nachahmung
Ob, und wenn ja, wie die Aktion fortgesetzt wird, ist von den Klimaschutzmanagerinnen und Klimaschutzmanagern noch zu treffen. Das Interesse dazu besteht. Für den Fall, dass eine Fortsetzung folgt, stehen schon Ideen im Raum.
In jedem Fall hat der Selbstversuch auch Potential zur Nachahmung. Das Deutsche Institut für Urbanistik veröffentlicht die CO2-Fastenstaffel als Praxisbeispiel auf www.klimaschutz.de. Vorerst wird der Blog noch ergänzt, die Projektbeteiligten haben noch die Möglichkeit, ein Resümee ihrer Fastenerlebnisse zu veröffentlichen. Alle Blogbeiträge und Kommentare sind Nachzulesen unter https://co2fasten.wordpress.com/


