Blue-Devils-Serie (1): Der Kanadier, der nach zehn Stunden in Weiden heimisch war
Blue-Devils-Serie (1): Der Kanadier, der nach zehn Stunden in Weiden heimisch war
Devils Diner. Die Luft riecht nach Kaffee, Kufen und dem Optimismus eines Mannes, der viel gesehen hat – und doch etwas gefunden hat, das ihn überrascht hat: eine Stadt, die ihn sich nach zehn Stunden „wie zu Hause“ fühlen ließ. Stephan Seeger, der neue Präsident der Blue Devils, kam nicht als Sanierer, nicht als Scheich, nicht als anonymer Investor. Er kam als Hockey-Enthusiast. Und als jemand, der sagt, was er denkt und viel und gerne lacht.
Diese Reportage ist Auftakt einer mehrteiligen Reihe über die neue Ära der Blue Devils Weiden: Wie der deutsch-kanadische Hockey-Enthusiast Stephan Seeger, Geschäftsführer Franz Vodermeier, Sportchef Jürgen Rumrich und Trainer Sebastian Buchwieser versuchen, gemeinsam eine Vision zu verwirklichen, die nur gemeinsam funktionieren kann. Jede Folge beleuchtet einen anderen Aspekt – von Seegers Vision über die nordamerikanische Hockeykultur bis zur wirtschaftlichen Perspektive und Erwartungen an die Zukunft.
Wenn ein Hilferuf zu einer Geschichte wird
Das Devils Diner. Stefan Zieglers Vermächtnis. Kein böses Wort über den Aufstieg und Fall des ausgeschiedenen Hauptsponsors. Ein Ambiente, das Eishockey atmet. Vom Tisch-Eishockey beim Eingang, über legendäre Trikots und historische Spielerfotos an den Wänden bis zur monumentalen Glasscheibe mit Durchblick auf den Rink, die spiegelnde Eisfläche, auf der Hockey-Träume wahr werden.
Alles beginnt nicht mit dem großen Masterplan, sondern mit einem Anruf. Ein Hilferuf. Ein verletzter Spieler erzählt seinem Kumpel, Seegers Sohn Stephan jr., von der Schieflage des Vereins. Der Sohn ruft den Vater an. Der Vater meldet sich bei Vladislav Filin. Und der sagt diesen Satz, der zum Wendepunkt wird: „Ich mag es hier wirklich. Die Leute sind okay, die Atmosphäre ist gut.“

Stephan Seeger begeistert Fans als nahbarer Teampräsident der Blue Devils Weiden
Weiden. Einen ganz besonderen Abend erlebten viele Blue Devils-Fans am Freitag im Devils Diner. Beim Meet & Greet gab es Teampräsident Stephan Seeger, Eishockey-Ikone Glenn Anderson und einige Devils-Akteure sozusagen zum Anfassen.
Deutsches Eishockey hat Potenzial
Seeger horcht auf. Er hört zu. Dann schaut er sich Spiele an. „Wir haben schon länger daran gedacht, in einen Profiverein zu investieren“, sagt er. Weiden hatte er da noch nicht auf dem Schirm. Kassel würde näherliegen. Schließlich ist seine Tante Liesl eine glühende Huskies-Anhängerin. Auf dem Radar hat er deutsches Eishockey dennoch. Er ist überzeugt: Es hat Potenzial. Während in den USA und Kanada an jeder Ecke ein Verein um die besten Spieler buhlt, ist hier noch jede Menge Pionierarbeit zu leisten.
Ein Anruf bei Franz Vodermeier: „Wir würden euch gerne kaufen.“ Franz ist baff. „Wer rechnet denn mit so was?“ Schließlich versucht der Geschäftsführer seit Monaten das Unmögliche: Die Lücke von rund einer Million Euro zu schließen, die das Aus des Hauptsponsors ins Budget gerissen hat. Stephan kommt nach Weiden. Und dann sitzt er im Devils Diner und redet – wie er halt so redet.
„Wenn du die Wahrheit willst, frag die Spieler“
Stephan Seeger ist kein Mann der Zahlen oder abgehobener Investorensprüche. Er ist ein Meister der einfachen, klaren Sätze.
Wenn du dich mit Hockey auskennst, weißt du: Geschäftsleute erzählen das Eine – aber die Wahrheit erfährst du von den Spielern.
Stephan Seeger
Also fragt er Filin. Und andere. Und hört nichts von Intrigen, Fehden, Abgründen. Nur Respekt. Für Trainer Buchwieser. Für Sportchef Rumrich. Für Geschäftsführer Vodermeier. Und für Fans, die den Laden nicht als Eventlocation sehen, sondern als wichtigen Teil ihres Alltags. Seeger ist aber auch kein Fantast. Er sieht die Defizite: kleine Arena, kleines Marketingteam, unsichere Zukunft.
Aber wichtiger ist, was er atmosphärisch wahrnimmt: Nächte, in denen sie bis zwei Uhr morgens zusammensitzen – Seeger, Vodermeier, Rumrich, Buchwieser. Zahlen wälzen. Risiken sortieren. Optionen durchgehen. Er bilanziert: „Das war keine Misswirtschaft. Es war Pech. Ein Sponsor fällt weg – und dir bricht die Basis weg. Aber das Team dahinter ist gut. Es wäre dumm gewesen, irgendjemanden auszutauschen.“ Vodermeier nickt. Auch er hat eine klare Botschaft:
Es kann nur funktionieren, wenn alle zusammenhelfen – die Sponsoren, die Stadt, die Fans. Nicht die Birch-Group alleine.
Franz Vodermeier
Weiden hat etwas, das Geld nicht schafft
Franz Vodermeier hat Seeger nicht mit Zahlen und Tortendiagrammen überzeugt. Es ist das besondere Etwas im Devils-Kosmos, das Seeger mitreißt: die Stimmung. „Das ist eine wirklich fantastische Fan-Base, das habe ich so selten erlebt.“ Er meint das nicht nur als Kompliment, sondern bereits als Diagnose. Als etwas, das trägt. Das ihm zeigt, dass er hier richtig ist. Und dann kommt der Satz, der die Bedenken einer feindlichen Übernahme zerstreut:
Es ist Weidens Team, nicht das Team der Birch-Group.
Stephan Seeger
Seeger erinnert sich mit großem Vergnügen an seine erste Nacht: Das Spiel ist vorbei. Die Halle leert sich. Er trinkt ein Weißbier. Ein zweites. Er bleibt im VIP-Raum zurück – und wundert sich, warum draußen im Restaurant die Fans feiern, während drinnen nur fünf Leute sitzen. „Warum kommen sie nicht rein?“, fragt er. Jürgen Rumrich: „Das ist der VIP-Bereich.“
Der neue Präsident ist kein Typ, der sich von der Etikette leiten lässt. Einen Toilettengang nutzt er, um bei den Feierbiestern nebenan vorbeizuschauen. Kurz darauf ist Schluss mit der Grabesstille im VIP-Bereich. Der VIP-Raum wird zur Fan-Kurve. Stephan erzählt Geschichten. Er hört Geschichten. Er bestellt noch ein Weißbier. Am Ende sagt er den Satz, der für ihn typisch ist:
Nach zehn Stunden habe ich mich hier wie zu Hause gefühlt.
Stephan Seeger

1. EV Weiden: Emotionaler Abschied und ein neues Führungstrio
Weiden. Thomas Siller, ein Name der unweigerlich mit dem Verein zusammenhängt, tritt von der Bühne ab und lässt eine neue Vorstandschaft das Zepter übernehmen.
Das Beste aus zwei Welten
Seine deutschen Wurzeln hört man Stephan nicht nur an seinen gelegentlichen deutschen Einwürfen an. Die Sympathie für das Herkunftsland seiner Eltern ist offenkundig. Der Sohn deutscher Einwanderer erzählt von seinen Wurzeln.
Wir hörten deutsche Musik, aßen deutsches Essen, meine Großeltern saugten samstags das Sofa. Vor meinen kanadischen Mitschülern versteckte ich mich, wenn ich in der Mall Gulaschsuppe aß, weil die anderen Hotdogs hatten.
Stephan Seeger
Es ist diese Mischung aus zwei Welten, die ihn prägt: die deutsche Genauigkeit, die kanadische Lockerheit, die amerikanische Direktheit. Eine Mischung, die in Weiden gut ankommt. Wir schauen runter aufs Eis, wo die kleinen Teufel großen Spaß beim Training haben und fragen uns: „Und ihr wollt euer Logo nicht im Mittelkreis sehen?“
Für uns ist wichtig, dass im Mittelkreis das Logo eines lokalen Unternehmens steht – nicht unseres.
Stephan Seeger
Er sagt das nicht aus falscher Bescheidenheit. Er meint es so. Weil Sponsoren sichtbarer werden müssen. Weil sich die Birch-Group von dem Logo nichts kaufen kann. Weil ein Team nicht von einer kanadischen Firmengruppe getragen werden soll. Weil er dort das Logo eines Zugpferds aus der Oberpfalz sehen will.
Wenn mir ein Sponsor sagt: ,Ich habe zwar keine Million, aber ich könnte 5000 Euro für den Center-Ice einsetzen‘ – dann ist das eine Botschaft, die uns mehr bringt als unser Logo.
Stephan Seeger
Nach dem Torten-Diagramm: Apfelstrudel zum Dessert
Über den Sponsorenabend sagt Seeger: „Meine Rede war ganz anders als die von Franz.“ Vodermeier hatte ein Torten-Diagramm mit Zahlen, er den Apfelstrudel zum Dessert. „Ich hatte kein Redekonzept.“ Er sah einen Raum voller Leute, von denen er annimmt, dass sie Fans sind: „Sagt mir, was ihr von mir erwartet, und ich sage euch, was ich für euch tun kann – und was ihr für mich tun könnt. Und dann bringen wir das irgendwie hin.“
So ist das. Seeger schwingt keine Reden, er sucht Gespräche. Geschichten, die das Eishockey erzählt. Seine Sätze sind gespickt mit Namen von Legenden. Glenn Anderson, Wayne Gretzky und Mark Messier. Mit Anekdoten: Über die Hockey-Dokumentation seiner Danbury Trashers aus der UHL auf Netflix. Die Radio-Charity für krebskranke Kinder, bei der er mit zwei Spielern für ein Interview auf einen Kran der Feuerwehr über der Autobahn kletterte. Auch die T-Shirt-Kanone darf nicht fehlen, denn Eishockey soll vor allem eines: Spaß machen.

Kaputte Scheibe: Spiel der Blue Devils gegen die Kassel Huskies abgebrochen
Weiden. Dieses Spiel wird in die Annalen der Blue Devils eingehen. Aber nicht wegen des Spiels selbst, sondern wegen eines Scheibenbruchs, der dem DEL 2-Match am Sonntag gegen die Kassel Huskies ein vorzeitiges Ende bescherte. Wie es weitergeht, müssen nun die Sportrichter entscheiden.
Warum Weiden Optimisten braucht
Seeger kokettiert mit seiner Art, Dinge direkt zu sagen. „Free speech“ ist sein Motto. Der amerikanische Traum, der derzeit eher für die gilt, die behaupten, man dürfe ja nichts mehr sagen. Der Anwalt, der weiß, wie man mit Fox-News spricht, wird sich sicher nicht für ein regionales Medium verbiegen. Die gestanzten Statements der Profis sind nicht sein Ding: „Oh, vielen Dank. Wir sind in der DEL2. Ich hoffe wirklich, dass wir zwei Spiele gewinnen können – interviewen Sie mich nicht, wenn Sie das hören wollen. Da bin ich der Falsche.“
Statt kalkuliertes Understatement, will Seeger Optimismus verbreiten: „Ich glaube an unser Team. Es ist stark.“ Mit dem Sportchef und dem Trainer sei er auf einer Wellenlänge. Er glaubt an die Mannschaft. An die Stadt. An die Menschen. Und er will, dass die Fans dasselbe tun. „Aber Präsident des Teams zu sein, ist etwas anderes.“ Er bringe die Erfahrung mit dem Sport und dem Geschäft dahinter mit. „Und ich leiste meinen Beitrag und versuche, dabei Spaß zu haben.“
Wir haben eine Gewinnerkultur. Sie wird nur von verschiedenen Leuten auf unterschiedliche Weise zum Ausdruck gebracht.
Stephan Seeger
Ein Präsident, der dazugehören will
Die Birch-Group, das versichern alle Seiten, kam nicht als Heuschrecke. Warum auch? Mit deutschem DEL2-Eishockey lässt sich kaum Geld machen – schon gar das große Geschäft. „Ich kenne keinen Verein, der Geld verdient“, bekräftigt Vodermeier. Stephan ist nicht Seeger, der Eroberer, sondern ein Präsident der Empathie – einer, der dazu gehören will. Der seinen Gewinn aus geteilter Freude bezieht. „Wir haben viel Spaß“, sagt er immer wieder – und man sieht es ihm an.
Die Birch-Group könne mit Spielern, mit Einfluss, mit Connections helfen. Die Win-win-Situation ist nicht die geschäftliche, sondern die sportliche Perspektive: „Mein Sohn coacht in der British Columbia Hockey League, der BCHL, und Jürgen hat einige junge deutsche Spieler an der Hand, für die die BCHL eine Chance wäre.“ Weidener Jungs und Mädels, die kanadische Luft schnuppern dürfen und kanadische Talente, die in Weiden Spielzeit bekommen. Hört sich dann doch ein wenig nach Red-Bull-Kosmos auf Oberpfalz-Ebene an.
Der Auftakt einer Geschichte
Bevor wir in den nächsten Teilen tiefer in die Hockeykultur Kanadas, die Jugendarbeit, die wirtschaftlichen Ideen, die Zukunftsstrategie und die offene Diskussion über Investorenrollen einsteigen, bleibt dieser Eindruck: Ein Mann sitzt im Devils Diner, freut sich auf das nächste Weißbier, redet mit Fans, lacht, erzählt Geschichten und alle Anekdoten laufen auf einen gemeinsamen Nenner hinaus: „Es geht nur zusammen.“
Ein einfacher Satz. Eine überzeugende Geschichte. Und der mögliche Beginn einer neuen Ära in Weiden. Ein Projekt, das nur gelingt, wenn alle Weidener es tragen.
Nächste Woche im Echo, Blue-Devils-Serie (2): „Wo Kinder mit Schlittschuhen geboren werden“
Stephan Seeger: Ein Präsident, der Menschen verteidigt
Bevor Stephan Seeger Präsident der Blue Devils wurde, war er längst eine bekannte Größe in der amerikanischen Rechtswelt. In Connecticut zählt der deutsch-kanadische Strafverteidiger zu den renommiertesten Criminal Defense Attorneys des Bundesstaats. Fachportale wie SuperLawyers und die American Institute of Criminal Law Attorneys (AICLA) führen ihn regelmäßig unter den „Top 10 Best Criminal Attorneys“. Der Ruf, der ihm vorauseilt: ruhiges Auftreten, scharfe Analyse, kompromisslose Mandantenloyalität und feines Gespür für Situationen, in denen es um alles geht.
Seeger stammt aus einer Profession, in der Entscheidungen unter Zeitdruck fallen und Vertrauen keine Floskel ist. In den USA gilt er als Anwalt, der Menschen in den schwersten Momenten ihres Lebens begleitet – oft rund um die Uhr, häufig gegen übermächtige staatliche Apparate. Seine Maxime lautet: „Schweigen, beraten lassen, Rechte wahren.“ Dieses Berufsethos – Klarheit, Verantwortung, ruhige Führung in kritischen Situationen – prägt auch sein Engagement in Weiden. Für Spieler, Trainer und Fans ist Seeger nicht nur Präsident, sondern jemand, der gelernt hat, Situationen zu lesen und Menschen zu stärken, wenn es darauf ankommt.




