Büchersommer 2022: Eine Autorin mit richtig Punch

Nordoberpfalz. Mein aktueller Buchtipp stammt aus der Feder einer Autorin, die seit Jahren den Topplatz in der Spiegel-Bestsellerliste abonniert hat. Warum? Genau - zu Recht!

Juli Zeh hat auch bei mir immer einen Spitzenrang in meinem Bücherstapel. Foto: Christian Göbel

Nicht alles, was den Titel „Bestseller“ trägt, ist lesenswert – das trifft allerdings nicht auf die Bücher von Juli Zeh zu. Sie veröffentlicht einmal im Jahr ein Werk – das binnen kürzester Zeit auf Platz Eins der Spiegel-Bestsellerliste steht, um dann im Jahresverlauf ganz langsam nach unten zu rutschen. Der Leser bekommt hier das Gesamtpaket – Niveau, Unterhaltung und eine tolle Autorin, auch abseits der Schreibstube. Mein Favorit ist allerdings nicht der aktuelle Roman „Über Menschen“, sondern „Unterleuten“ aus dem Jahr 2016.

Juli Zehs furchtlos vor jedem Klischee ins Herz der bundesrepublikanischen Wirklichkeit zielender Gesellschaftsroman ist ein literarischer Triumph.

Denis Scheck

Keine Angst vor dicken Büchern

Gleich ein Hinweis zu Beginn: Bitte nicht vom wuchtigen Format abschrecken lassen, das ist eine Luchterhand-Spezialität. Zwar ist das schön gebundene Werk über 600 Seiten schwer, allerdings sehr raumgreifend editiert: großer Schrifttyp, viele Absätze.

Juli Zeh ist eine engagierte Frau, die sich auch in gesellschaftliche und politische Belange alles andere als leise einmischt. Und sie ist dabei absolut schmerzfrei und hat außerdem einen wunderbar trockenen schwarzen Humor. Mein einziger Kritikpunkt ist, dass ihre aktuelleren Werke für meinen Geschmack etwas zu dünn sind, sodass es manchmal wirkt, als ob ihr der Abgabetermin einfach im Nacken saß. Was aber nichts an der Qualität der Bücher ändert.

Unterleuten, Juli Zeh, Luchterhand-Verlag

Mit „Unterleuten“ hat Juli Zeh einen großen Gesellschaftsroman über die wichtigen Fragen unserer Zeit geschrieben. Gibt es im 21. Jahrhundert noch eine Moral jenseits des Eigeninteresses? Woran glauben wir? Und wie kommt es, dass immer alle nur das Beste wollen, und am Ende trotzdem Schreckliches passiert? Bei Juli Zeh weiß man nie – ist es eine Satire über die ostdeutsche Provinz oder eine versteckte Liebeserklärung? Wahrscheinlich beides.

Manchmal kann die Idylle auch die Hölle sein. Wie das Dorf „Unterleuten“ irgendwo in Brandenburg. Wer nur einen flüchtigen Blick auf das Dorf wirft, ist bezaubert von den altertümlichen Namen der Nachbargemeinden, von den schrulligen Originalen, die den Ort nach der Wende prägen, von der unberührten Natur mit den seltenen Vogelarten, von den kleinen Häusern, die sich Stadtflüchtlinge aus Berlin gerne kaufen, um sich den Traum von einem unschuldigen und unverdorbenen Leben außerhalb der Hauptstadthektik zu erfüllen.

Doch als eine Investmentfirma einen Windpark in unmittelbarer Nähe der Ortschaft errichten will, brechen Streitigkeiten wieder auf, die lange Zeit unterdrückt wurden. Denn da ist nicht nur der Gegensatz zwischen den neu zugezogenen Berliner Aussteigern, die mit großstädtischer Selbstgerechtigkeit und Arroganz und wenig Sensibilität in sämtliche Fettnäpfchen der Provinz treten. Da ist auch der nach wie vor untergründig schwelende Konflikt zwischen Wendegewinnern und Wendeverlierern. Kein Wunder, dass im Dorf schon bald die Hölle los ist. (Quelle: Luchterhand-Verlag)

Juli Zeh

Juli Zeh wurde 1974 in Bonn geboren und studierte Jura in Passau und Leipzig. Neben zahlreichen Literaturpreisen erhielt sie 2018 das Bundesverdienstkreuz. Im selben Jahr wurde sie zur ehrenamtlichen Richterin am Verfassungsgericht des Landes Brandenburg gewählt.

Seit 2007 lebt sie in Barnewitz im Havelland in Brandenburg, zuvor hatte sie viele Jahre in Leipzig gelebt. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder.

In unserer Reihe Büchersommer 2022“ sind als Buchtipp bisher erschienen:

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