Das erwarten Oberpfälzer Landwirte von Cem Özdemir [mit Video]

Ellenbach/Störnstein. „Landwirtschaft ist schön, macht aber viel Arbeit“, könnte man das vermeintliche Valentin-Zitat abwandeln. Vor allem aber: Bringt nicht viel ein. Im Redaktionsgespräch schildern die Milchbauern Werner Reinl (Ellenbach) und Hubert Meiler (Störnstein) ihren täglichen Überlebenskampf.

BDM-Kreisvorsitzender Werner Reinl (links) und sein Vorstandskollege Hubert Meiler im Redaktionsgespräch. Bild: Jürgen Herda

Im fernen Berlin und München werden neue Vorschriften zum vermeintlichen Tierwohl erlassen, bei Lanz, Maischberger und Co. diskutieren Buchautoren über Nitrat, Insektensterben und Klima. Aber die Praxis-Experten vor Ort kommen selten zu Wort. OberpfalzECHO hat deshalb zwei lokale Vertreter des Bundesverbands Deutscher Milchviehhalter (BDM) eingeladen, um über ihre Situation zu sprechen.

Werner Reinl (Ellenbach) und Hubert Meiler (Störnstein) schildern in unserer neuen „Sendung mit den Bauern“ die Lage ihrer Zunft – zerrieben zwischen ökonomischen Zwängen und den Ansprüchen der Gesellschaft an Ökologie, Verbraucherschutz und Tierwohl.

Im ersten Teil formulieren die beiden Milcherzeuger ihre Forderungen an die neue Ampelregierung und den neuen Landwirtschaftsminister Cem Özdemir. Dass der von Kühen so viel versteht wie seine Vorgängerin Julia Klöckner vom BDM, müsse kein Nachteil sein.

OberpfalzECHO: Als bekannt wurde, dass der Grünen-Politiker Cem Özdemir ohne bäuerlichen Hintergrund Landwirtschaftsminister wird, war die Aufregung besonders beim Bauernverband groß. Sein erstes Statement hat dann auch noch die Verbraucher verschreckt: „Lebensmittel sind zu billig.“ Aber ist das nicht genau die Forderung der Landwirte, dass das Essen zumindest den Herstellungspreis decken muss?

Reinl: Meine erste Reaktion war gar nicht negativ. Lebensmittelpreise müssen teurer werden, ganz klar. Die Angst von vielen Bauern ist einfach, dass wir durch grüne Agrarpolitik überflutet werden von weiteren Auflagen und Vorschriften und die einfach nicht bezahlt werden. Da sind wir genau beim Punkt. Viele Bauern sind bereit, Tierwohl- und Umweltauflagen zu erfüllen, aber erst müssen unsere jetzigen Kosten und dann diese zusätzlichen Auflagen bezahlt werden, damit endlich auch wir von unserer Arbeit leben können. Daran werden wir Cem Özdemir messen.

Meiler: Wir vom BDM haben schon immer mit jeder Partei gesprochen, ob das Schwarz war, Grün, Rot oder Gelb. Wir sind zu allen Abgeordneten gegangen und können mit einem Grünen genau so reden wie mit einem Schwarzen. Es könnte ein Vorteil sein, dass den der Bauernverband nicht mehr so beeinflusst.

Reinl: Wichtig ist, dass es nicht von den Lobbyistenverbänden unterlaufen wird, die nicht das Interesse der Bauern im Blick haben. Da ist mir ein solcher lieber, der frei denkt und offen ist, als einer, der aus dieser Schiene rauskommt.

Im Kern sagt ihr: Die Gesellschaft will immer mehr Umweltauflagen und Tierwohl, ist aber nicht bereit, die Kosten dafür zu bezahlen. Da seid ihr gar nicht so weit weg von den Grünen?

Meiler: Die Tiere stehen in Ställen, die von den Behörden und Ministerien vorgegeben wurden, damit wir billig produzieren können. Die Massentierhaltung war nicht von den Bauern gewollt. Wir müssen gewinnbringend arbeiten können, das sind die Vorgaben – ob Kastenstände für die Schweine oder bestimmte Maße für die Tiere.

Reinl: Das war das Problem mit Julia Klöckner, die nur mit dem Bauernverband und keinem alternativen Verband gesprochen hat und letztlich in der Ausrichtung der Agrarpolitik nichts ändern wollte. Ich will hier aber auch eines klarstellen; Der Bauernverband im Dorf und auf Kreisebene macht gute Arbeit. Die Leute vor Ort wollen sich auch für die Bauern engagieren. Aber die Musik spielt in Berlin und Brüssel. Und dort wird vom Deutschen Bauernverband (DBV) und von Copa / Cogeca nicht immer Politik im Interesse der Bauern gemacht.

Die deutsche Allianz der Agrarforscher wollen Landwirte, Konsumenten, Handel und Wissenschaft an einen Tisch holen um gemeinsam zu diskutieren, wie man der Landwirtschaft beim Umbau helfen kann, um die Klimaziele zu erreichen. Nötig sei eine Reduzierung der Tierbestände aber auch neue Methoden und Fruchtfolgen. Landwirte halten dagegen, dass es zwar auch in Bayern Schweinehochburgen gebe, aber insgesamt die Tierbestände – etwa bei Rindern – im Vergleich zu den 60er Jahren drastisch gesunken seien?

Meiler: Ich verstehe nicht, warum hier nicht eine Gesamtrechnung aufgemacht wird. Man rechnet uns vor, welchen CO2-Ausstoß unsere Schlepper und Kühe haben. Aber man rechnet nicht gegen, was mein Wald, meine Pflanzen, mein Humusaufbau an CO2 bindet. Dann müsste ich eigentlich ein super Plus haben. Warum rechnet man das nicht? In einer Phönix-Sendung hat man kürzlich vorgerechnet, ein Hektar Wald bringt an Verkaufserlös um die 1.000 Euro. Wenn man überlegt, was die Säuberung von Regenwasser durch den Wald bringt, müsste der Waldbesitzer 0,05 Cent bekommen pro Quadratmeter. Dazu der Humusaufbau, der Erholungsnutzen der landwirtschaftlichen Flächen, das wird alles nicht gerechnet.

Reinl: Natürlich wird die Konzentration auf immer weniger Betriebe auf weniger Standorten für die umliegende Fläche zum Problem. Futtermittel werden immer weiter hergekarrt, da sind wir wieder bei der intensiven Landwirtschaft, auch mit Sojaimporten aus Südamerika, das ist effektive Milchproduktion, günstig, der Verbraucher hat billige Milch und die Probleme sind weit weg in Südamerika und in Afrika. Bei der „Fairen Milch“ sind wir den umgekehrten Weg gegangen. Die „Faire Milch“ ist die einzige Marke, bei der es eine flächengebundene Produktion gibt, das heißt, dass die Bauern, die daran teilnehmen wollen, maximal zwei ausgewachsene Tiere pro Hektar Betriebsfläche halten dürfen. Das ist unsere Idee einer fairen Landwirtschaft in Einklang mit der Natur – und das, was der Verbraucher will.

Meiler: Und kein Futter aus Übersee.

Man kommt immer mehr zur Erkenntnis, dass die Politik der vergangenen Jahrzehnte die falschen Rahmenbedingungen gesetzt hat, an die sich die Landwirte aber gehalten haben. Wenn das aber wieder über den Haufen geworfen würde, steht ihr vor einem Scherbenhaufen – mit Investitionen in Stallgebäude, die auf 20 Jahre angelegt sind.

Reinl: Man muss lernen, wenn etwas in die falsche Richtung läuft, dass man schneller korrigiert. Man wird immer wieder Fehler machen. Wenn man vor 50 Jahren Anbindeställe gebaut hat, dann war das für diese Zeit in Ordnung. Wenn man erkennt, dass das nicht so der Burner ist, dann muss man nachjustieren. Das kennt jeder in seinem Job.

Wie wollt ihr nachjustieren?

Reinl: Das BDM-Konzept liegt auf dem Tisch, wir brauchen einen kostendeckenden Preis, da gibt’s Kostenstudien mit öffentlich anerkannten Zahlen. In einem Korridor – plus-minus – muss sich dieser Milchpreis, der am Markt erlöst werden muss, bewegen. Und wenn der Preis darunter fällt, muss man reagieren und die Produktion drosseln. Der Bauernverband sagt, beim Rindfleisch haben wir momentan eine recht befriedigende Situation. Warum? Weil die Produktion gedrosselt wurde. Da erkennt er es, bei der Milch wird das nicht erkannt. Genau das ist es, was wir seit 15 Jahren predigen, wir brauchen eine Produktion, die wir in Europa verbrauchen oder hochpreisig am Weltmarkt absetzen können. Aber es kann nicht sein, dass wir Überschüsse produzieren, die wir dann in den Dritte-Welt-Staaten verramschen und dort Märkte und Existenzen kaputt machen.

Ein Sprecher von „Land schafft Verbindung“ sagt, der Schweinemarkt funktioniert für ihn gerade ganz gut, weil die Nachfrage in China wegen der Afrikanischen Schweinepest hoch ist. Ist das ein nachhaltiges Rezept?

Reinl: Wenn momentan die Preise gut sind, weil Schweine gebraucht werden, dann kann man das Geschäft natürlich mitnehmen. Wenn aber der Markt wieder abspringt, aus welchen Gründen auch immer, weil sich die Chinesen wieder selber versorgen, muss man das nachjustieren und sagen, jetzt produzieren wir wieder weniger.

Lässt sich das in der Landwirtschaft so kurzfristig umsetzen, weil gerade irgendwo in der Welt eine Krise eine Nachfrage gebiert?

Meiler: Wenn in der Landwirtschaft Geld da wäre, ginge das vielleicht. Unsere Stallbauten sind auf 30 Jahre finanziert. Der Landwirt muss 30 Jahre im alten Stall produzieren, bis er die Kosten reinholt. Dann kann er erst anfangen, für den neuen Stall zu sparen. Aldi baut Supermärkte, die sich nach maximal zehn Jahren amortisieren. Die tun sich leicht, neue Märkte hinzustellen, die den Bedürfnissen der Verbraucher wieder entsprechen. Wenn wir unsere Ställe nur für zehn Jahre bauen würden, dann hätten wir schon längst statt des Anbindestalls auf der freien Prärie einen schönen großen Laufstall mit Auslauf hinbauen können.

Jetzt gibt’s inzwischen eine virtuelle Brille für Kühe, damit die sich vorstellen, auf der Weide zu stehen – schon gesehen?

Reinl: (lacht) Nein …

Meiler: Es würden ja viele Landwirte mitmachen. Ich stehe daheim vor dem gleichen Problem. Wir haben 1983 einen Laufstall geplant, aber bei der Kostenlage … Will ich das meinem Jungen antun?

Reinl: Gut, das sind jetzt längerfristige Auswirkungen. Aber ich bin schon davon überzeugt, dass die Gesamtheit der europäischen Bauern kurzfristig auf Marktverwerfungen oder – Veränderungen reagieren kann. Es muss halt für alle gelten. Und da ist die Politik gefordert, Rahmenbedingungen vorzugeben. Langfristig hat Hubert Recht. Wenn die Gesellschaft sagt, wir wollen nur noch Weidetiere, dann ist das machbar, aber nicht von heute auf morgen.

Die Professoren Christine Wieck, Leiterin des Fachgebiets Agrar- und Ernährungspolitik an der Universität Hohenheim, und Hubert Wiggering, Vorstandsmitglied der Deutschen Agrarforschungsallianz (DAFA), sind bei aller Kritik an der Verteilung der Messstellen der Auffassung, dass es an bestimmten Standorten auch durch die Landwirtschaft zu einer überhöhten Nitratbelastung gekommen sei, die die Politik auf Druck des Bauernverbandes ignoriert habe – mit den entsprechenden Folgen im Kontext der EU-Wasser und Nitratrichtlinie.

Reinl: Bei der Produktion der „Fairen Milch“ beschränken wir uns ohnehin auf 2,5 Tiere pro Hektar, so kann auch die Gülle vernünftig verwerten werden – eine faire Landwirtschaft in Einklang mit der Natur. Was völlig außer Betracht gelassen wird, ist der schlechte Zustand unseres Kanalnetzes, das stark sanierungsbedürftig ist. Die Gemeinderäte wissen sehr genau, dass viele Abwässer ins Grundwasser gelangen, bevor sie durch die Kläranlage gehen. Als die Landwirte dies thematisierten, gab es einen riesigen Aufschrei des Gemeindetages, die Diskussion wurde überhaupt nicht zugelassen. Das ist bei der klammen Lage der Gemeindefinanzen halt auch eine Geldfrage.

Meiler: Außerdem ist die Gülle der Buhmann vom Nitrat. Die Hälfte unserer Fläche wird nur noch als Ackerbau ohne Tierhaltung bewirtschaftet. Dann muss man auch den Mineraldünger reduzieren. Wenn wir die Gülle auf die ganze Fläche verteilen, hätten wir bei weitem nicht das Problem.

Wo seht ihr erhöhte Nitratbelastungen in unserer Region?

Reinl: Bei uns in der Region ist das nicht das große Thema, eher im Landkreis Amberg-Sulzbach. Schweinehochburg ist Niederbayern.

Meiler: Wir Milchviehhalter, die unsere Tiere selbst versorgen, können eh fast nicht mehr Kühe halten. In der Schweinehaltung dagegen wird alles zugekauft, da kann man auf einen Hektar auch 1.000 Schweine halten. Wenn man bedenkt, dass man in die Kläranlagen ständig Sauerstoff reinbläst und aufrührt, damit das Ganze verdampft und verdunstet – wir müssen über unsere Güllegrube einen Deckel drüber machen, damit wir keine Vergasung haben und die betreiben das Gegenteil, damit man das Nitrat nicht zu entsorgen braucht.

Reinl: Wir müssen die Gülle bodennah ausbringen mit riesigem technischen Aufwand – und da wird das Gegenteil gemacht.

Sind die modernen, computergesteuerten Landmaschinen so gut, dass die Umweltbelastungen tatsächlich signifikant verringert wurden?

Meiler: Die Technik ist auf jeden Fall besser geworden. Wir sind jetzt drüber, ein Güllefass zu kaufen. Bei 12.000 bis 14.000 Liter mit der Technik, wie es jetzt vorgeschrieben ist, bist mit über 100.000 Euro dabei.

Reinl: Und dann sind das auch oft Riesenmaschinen mit Riesengewicht, die über die Äcker gezogen werden, was für das Bodenleben sicher nicht optimal ist.

Meiler: Wir sind in der Früh gefahren, wenn die obersten zwei Zentimeter gefroren sind, dann kannst du einwandfrei fahren von fünf Uhr – meistens friert es ja erst ab vier Uhr – dann hast du vielleicht drei Stunden Zeit. Um acht Uhr geht der Boden auf, dann musst du aufhören. Wenn du einen Fremden kommen lassen musst, der kommt vielleicht drei- bis viermal in der Woche und hat dann noch andere, so viel Frosttage haben wir nicht im Frühling.

Reinl: Wenn ich einen Lohnunternehmer kommen lasse, der viele Unternehmen bedienen will, muss der irgendwann auch fahren, wenn die Sonne scheint bei 30 Grad – und das ist dann natürlich nicht optimal. Aber für den Einzelnen ist diese teure Technik unbezahlbar.

Ist jetzt die mechanische Bodenbehandlung besser oder macht man damit das Bodenleben kaputt?

Reinl: Ich sehe die Schleppstuhltechnik als Problem, weil man diese Würste ablegt, die man nicht verteilen kann. Die gräbt man dann im Sommer aus, räumt sie beim Schwadern wieder ins Futter rein und die Tiere fressen ihre Scheiße, mal blöd gesagt. Im Ackerbau ist das überhaupt kein Problem, beim Grünland ist das schwierig. Die moderne Breitlandverteilung hat sich da sehr bewährt. Wir bringen da zwölf bis 15 Kubikmeter aufs Hektar aus, du siehst das fast nicht. Aber das ist halt momentan der Stand der Gesetze, diese Schleppschuhtechnik einzusetzen.

Die faire Milch

  • Die faire Milch ist ein europaweites Projekt unter dem Dach des European Milk Boards (EMB). Das EMB vergibt Lizenzen für das Programm an die nationalen Teilnehmerländer. 
     
  • Gesellschafter in Deutschland ist der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM). Ab 2010 wurde eine entsprechende Produktmarke in den Handel gebracht. 
     
  • Milcherzeuger, die in das Programm aufgenommen werden wollen, verpflichten sich auf strenge Produktionskriterien. Dazu zählen unter anderem der Verzicht auf gentechnisch verändertes Futter, eine artgerechte Fütterung der Tiere und die Umsetzung von Umweltschutzmaßnahmen auf den Höfen. Die Kühe erhalten zudem Futter mit mindestens 50 Prozent Grasanteil in der Ration. Ein Verstoß gegen diese Richtlinien führt zu einem zeitweiligen oder dauerhaften Ausschluss aus dem Programm. 
     
  • Die Milchbauern verzichten bei der Fütterung auf Futter aus Übersee und setzen Umwelt- oder Tierprojekte auf ihren Höfen um. Voraussetzung für die Teilnahme am Programm ist die Mitgliedschaft im Bundesverband deutscher Milchviehhalter (BDM). Alle Milchbauern müssen zertifizierte Familienbetriebe führen.
     
  • Die faire Milch ist außerdem die erste konventionelle Milchmarke, die eine Begrenzung der Tierhaltung auf der Betriebsfläche vorsieht. So dürfen nicht mehr als 2,5 ausgewachsene Tiere pro Hektar Betriebsfläche gehalten werden.
     
  • Das Konzept sieht hinsichtlich der Preiskalkulation vor, dass ,von unten nach oben‘ kalkuliert wird. So gehen von jedem verkauften Liter Milch 45 Cent an die am Projekt beteiligten Milchbauern. Weitere Aufwendungen, wie Abfüllen, Verpackung, Transport und Handelsspanne ergeben den Verkaufspreis im Laden.
     
  • Die Markenkommunikation befördert den Begriff „Die faire Milch“ zusammen mit einem schwarz-rot-goldenen Design. Dazu gehört das Maskottchen und Logo-Tier „Faironika“, eine schwarz-rot-golden gefärbte Kuh. Diese Kuh kam in der Vergangenheit als lebensgroße Plastikvariante bei Demonstrationen der Milchbauern zum Einsatz und wurde überregional bekannt.

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