„Pietätlos und herabwürdigend“: Querdenker planten Demo vor KZ-Gedenkstätte

Flossenbürg. Weil angeblich ungeimpfte Kinder bei einem Rundgang in der Gedenkstätte benachteiligt wurden, meldeten Querdenker eine Mahnwache vor der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg an. Die Gruppe erfand einen Skandal, den es nicht gab, und instrumentalisierte damit die Opfer des Nationalsozialismus. Politiker und der Leiter der Gedenkstätte zeigen sich empört. Die Mahnwache wurde am Ende verboten.

Die KZ Gedenkstätte in Flossenbürg. Foto: Thomas Dashuber

Querdenker planten eine Mahnwache vor der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. Sie sahen die Rechte von ungeimpften Kindern eingeschränkt. „Das ist ein sehr gutes Beispiel, wie man Fakten verdrehen und einen Skandal provozieren kann“, sagt Jörg Skriebeleit, Leiter der KZ-Gedenkstätte. „Damit werden die Opfer des Nationalsozialismus herabgewürdigt. Das ist pietätlos.“

Doch ganz von vorne: Eine Realschulklasse aus Oberbayern war zu Besuch in der Gedenkstätte zu einem 90-minütigen Rundgang. Die Klasse besichtigte die Außenanlage, die geimpften Schülerinnen und Schüler konnten noch die Ausstellung besichtigen, die ungeimpften konnten aufgrund der Hygienebedingungen nicht in die Ausstellung und waren in der Zeit weiter im Außenbereich unterwegs. Danach hätten sie sich in einem beheizten Raum aufgewärmt und Brotzeit gemacht. Das sei vollkommen normal und käme jeden Tag vor, informiert Skriebeleit. Das Prozedere sei vorher mit der Schule abgesprochen worden. Auch hätte es keine Beschwerden gegeben, weder von Schülern noch von Lehrern.

Mahnwache während Gedenkveranstaltung

Doch wie kam es dann zu dem aufgebauschten Skandal? Der Vater eines ungeimpften Schülers hätte sich beschwert. Der Mann sei in der Querdenkenszene einschlägig bekannt. So kam es, dass Helmut Bauer, Gründer der Weidener Querdenken-Bewegung, auf sozialen Gruppen zu der Demo aufrief, in der er behauptete, ungeimpfte Schüler wurden „bei Eiseskälte und Schneesturm ausgegrenzt und mussten 90 Minuten im Freien verbringen“. Die Mahnwache planten sie am 26. Januar, einem symbolischen Datum. Denn an diesem Tag findet eine große Gedenkveranstaltung des Bayerischen Landtags für die Opfer des Nationalsozialismus in der Gedenkstätte statt. Einen Tag später, am 27. Januar ist der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus.

Jörg Skriebeleit, der Leiter der Gedenkstätte.

„Gesuchter und billiger Anlass, um Aufmerksamkeit zu bekommen“

Der 26. Januar ist in Flossenbürg ganz dem Gedenken an die Millionen Opfer des Nationalsozialismus vorbehalten. Durch Corona ist die Veranstaltung nicht öffentlich, wird aber im Fernsehen live übertragen. Eine neue Steinstele zum Gedenken an homosexuelle Häftlinge in Flossenbürg soll enthüllt werden. Die Querdenker wollten diese wichtige Gedenkveranstaltung für sich und ihre Anliegen instrumentalisieren, mit einer Mahnwache unter dem Motto „Geschichte darf sich nicht wiederholen – Schützt unsere Kinder“.

Im Demoauruf steht, dass sie die Präsidentin des Bayerischen Landtags Ilse Aigner, die auch zum Gedenktag in Flossenbürg mit dabei ist, mit dem vermeintlichen Skandal konfrontieren wollten. „Helmut Bauer sucht eine Bühne, und die Bühne sollen die Opfer des Nationalsozialismus sein. Das ist ein gesuchter und billiger Anlass, um im Windschatten der Gedenkveranstaltung Aufmerksamkeit zu bekommen“, sagt Skriebeleit. Mit der Schule habe er sich nach den Vorwürfen eng abgestimmt, von Schulseite habe es keinerlei Beschwerden gegeben.

Landratsamt verbietet Demo

Der Demoaufruf der Querdenker schlug große Wellen. Skriebeleit erzählt von einem Shitstorm, den er aber lieber Dünnpfiff nennen will, aber auch Solidaritätsbekundungen aus ganz Deutschland. Landrat Andreas Meier äußerte sich auf Facebook unmissverständlich: „Es ist an Geschmacklosigkeit und Geschichtsklitterung nicht zu überbieten, an einem historisch so sensiblen Ort mit diesem Duktus in der Wortwahl zu einer „Mahnwache“ aufzurufen.“

Er werde die Veranstaltung „mit allen Mitteln“ zu verhindern versuchen. Auch Uli Grötsch, SPD-Bundestagsabgeordneter, zeigte sich entsetzt und unterstützt die Pläne des Landrats. Auf Facebook rief er alle Bürgerinnen und Bürger dazu auf, wachsam zu sein und sich der „braunen Soße aus Querdenkern“ entgegenzustellen.

Erst wollte Bauer seine Mahnwache auf dem Parkplatz der Gedenkstätte durchführen, das konnte die Gedenkstätte selbst verbieten. Doch Gedenkstättenleiter Skriebeleit empfahl eine Mahnwache auf dem gesamten Gemeindegebiet von Flossenbürg zu untersagen, da solch eine Veranstaltung die Opfer des Nationalsozialismus herabwürdige. Das Landratsamt sah das genauso. Es untersagte eine derartige Mahnwache auf dem gesamten Gemeindegebiet.

Nach Angaben der Polizei wollte eine geringe Anzahl von Menschen während der Gedenkveranstaltung auf das Gelände, wurde jedoch von der Polizei abgewiesen

Deine Meinung? Hier kommentieren!

* Diese Felder sind erforderlich.