Praxis-Neueröffnung Dr. Loew: Gegen das Hausarzt-Sterben in Weiden

Weiden. Jetzt auch das noch: Nicht nur Fachkräfte und Handwerker sind Mangelware, auch Hausärzte befinden sich auf dem Rückzug. Der Weidener Allgemein- und Sport-Mediziner Dr. med. Matthias Loew nutzt deshalb die offizielle Neueröffnung seiner Praxis für einen Appell an die Gesundheitspolitik.

Dr. med. Stefan Semmler, Bezirksvorsitzender Oberpfalz des Bayerischen Hausärzteverbandes, bei der Neueröffnung von Dr. Matthias Loews großzügiger Praxis. Bild: Jürgen Herda

Ganz neu ist Matthias Loews großzügige Praxis in Weiden-Rothenstadt zwar nicht mehr. „Wir sind schon gut ein Jahr am Netz“, sagt der Weidener Allgemein- und Sport-Mediziner. „Aber das gesamte Bauvorhaben hier wird gerade erst fertiggestellt.“

Loew wäre nicht SPD-Stadtrat, würde er den Termin nicht auch für eine politische Botschaft nutzen. „Ich möchte bei dieser Gelegenheit auf die Schließungen von hausärztlichen Praxen ohne Nachfolger in Weiden aufmerksam machen.“ Kurz hintereinander ist in zwei Hausarzt-Praxen Feierabend: bei Dr. Norbert Simons und Dr. Erich Vettori. Nachfolger gibt es nicht.

Es fehlen 6000 Studienplätze

Loew hat dazu an seinem „Tag der offenen Praxis“ kompetente Verstärkung eingeladen. Dr. med. Stefan Semmler, Bezirksvorsitzender Oberpfalz des Bayerischen Hausärzteverbandes, beschreibt die Versorgungslage gegenüber OberpfalzECHO als alarmierend: „Um die medizinische Versorgung der Menschen zu sichern, hat die Landesärztekammer am Wochenende beim 81. Bayerischen Ärztetag in Regensburg bundesweit 6000 zusätzliche Studienplätze für das Fach Humanmedizin gefordert.“

Die Ursachen für das wachsende Hausarzt-Defizit seien vielfältig: „Nach einer regelrechten Ärzteschwemme nach der Wiedervereinigung hat man die Studienplätze von 17.000 auf 11.000 reduziert“, beschreibt er eine Fehlentwicklung, die man auch von der Planung von Lehrerstellen kennt. „Seit 30 Jahren werden mehrere Tausend Ärztinnen und Ärzte pro Jahr zu wenig ausgebildet.“

Kein Lehrstuhl für Allgemeinmedizin in der Oberpfalz

Zudem wandern aufgrund sich verschlechternder Arbeitsbedingungen immer mehr Ärzte ins Ausland ab – laut offizieller Statistik der Bundesärztekammer von 2021 steht einem Zuzug von 1.100 ausländischen Medizinern ein Braindrain von 1.900 Ärztinnen und Ärzten gegenüber. In anderen bayerischen Regierungsbezirken könne dem Landärztemangel wenigstens noch mit den dort jeweils ansässigen Lehrstühlen für Allgemeinmedizin entgegengesteuert werden – in Regensburg fehlt ein solcher.

Die Medizinstudenten bekämen oft gar nicht die Möglichkeit, die hausärztliche Praxis kennenzulernen. „Es ist zwar eine Studienreform geplant, der Masterplan 2020, nach dem Studenten im letzten Studienjahr drei Monate im ambulanten Bereich eingesetzt werden sollen – aber der hängt derzeit im Bundesrat“, erklärt der Bezirkschef. „Der Student bekommt zwar einen umfassenden Überblick über die medizinischen Fachgebiete“, sagt Semmler, „aber der allgemeinmedizinische Pflichtanteil von einem Praktikum und einer Vorlesung ist zu wenig.“ Die Folge: „Es sollten eigentlich 25 Prozent der Absolventen in die hausärztliche Versorgung gehen – in der Realität waren es lange nur 10, mittlerweile sind es immerhin 15 Prozent.“

Es fehlen Praxis-Nachfolger

Schnelle Abhilfe ist nicht in Sicht: „So ein Defizit lässt sich nur langfristig beheben.“ Aber man müsse jetzt beginnen. „Aufgeschoben wurde das schon viel zu lange“, erklärt der Verbandssprecher. „Sie müssen die lange Vorlaufzeit von 11 Jahren für Studium, Krankenhaus und Weiterbildung in der Hausarztpraxis berücksichtigen.“ Die aktuelle Zahl von 11.000 Studenten reiche absehbar nicht aus. „Viele junge Menschen würden gerne Humanmedizin studieren, der Bedarf ist da, aber es werden keine Plätze geschaffen.“ Die Kultusministerkonferenz müsse hier die Kapazitätsverordnung ändern, fordert Semmler. Bayern habe zwar mit einer neuen Fakultät in Augsburg Studienplätze geschaffen. Ein Tropfen auf den heißen Stein.

Die künstliche Verknappung der Studienplätze setze sich in der vergeblichen Suche nach Praxis-Nachfolgern fort. „Deutschland hätte ohne Hausärzte die Corona-Versorgung bei weitem nicht so gut bewältigt“, ist sich Semmler sicher. Doch diese Struktur sei in Gefahr: „Ich fürchte einen Domino-Effekt“, erklärt der Bezirksvorsitzende. „Das Durchschnittsalter der Hausärzte beträgt 55 Jahre, viele sind über 60.“ Nach zweieinhalb Jahren Pandemie-Stress drohten viele der Älteren entnervt aufzuhören. „Mangels Nachwuchs auch ohne Nachfolger“, warnt Semmler.

Beim Tag der offenen Praxis empfängt Dr. med. Matthias Loew (rechts) Patienten und (Stadtrats-) Kollegen wie Dr. Matthias Holl. Bild: Jürgen Herda

Kommunen sollen Raum für Praxen schaffen

Und der Neueinstieg für junge Ärzte wird immer schwieriger: „Ich habe meine Praxis vor acht Jahren umgebaut“, schildert Semmler, „die 200.000 Euro dafür hätte ich von der Bank nicht bekommen, wenn ich nicht bereits eine gut laufende Praxis gehabt hätte.“ Es gebe zwar eine Förderung von bis zu 60.000 Euro vom Freistaat für die Einrichtung einer Praxis in unterversorgten Regionen. Aber das reiche nicht. „Deshalb müssen die Kommunen aktiv werden.“

Das sieht auch Dr. Loew so: „Bei uns in Weiden sind drei Praxen unbesetzt.“ Arztpraxen müssten als Aufgabe der öffentlichen Daseinsvorsorge betrachtet werden: „Kommunen sollten wie für Kindergärten mögliche Praxisimmobilien bei der Stadtentwicklung mit einplanen, gegebenenfalls auch Investoren verpflichten, geeignete Räumlichkeiten zu bauen.“

Rendite-Orientierung gefährdet Grundversorgung

Eine weitere Gefahr drohe durch die Kommerzialisierung des Gesundheitssektors. „In lukrativen Regionen kaufen private Investoren bestehende Medizinische Versorgungszentren (MVZ) oder Arztsitze auf und eröffnen dann Medizinische Versorgungszentren“, schildert Semmler eine problematische Entwicklung. Diese Finanzinvestoren würden sich auf gut honorierte Bereiche konzentrieren – Stichwort Hüfte, Knie, Rücken. Die Versorgung der alternden Bevölkerung mit einer Vielzahl von Erkrankungen und intensivem Betreuungsbedarf sei gefährdet.

Deutschlandweit seien zum Stichtag 31.12.2021 bereits über 25.000 Ärzte in solchen MVZen angestellt. Gegen eine solche Rosinenpickerei gebe es wenig Sanktionsmöglichkeiten: „Der Fachbereich der Orthopäden ist inzwischen den Chirurgen zugeordnet“, erklärt der Hausarzt-Vertreter, „wenn die sich auf Knie-Operationen spezialisieren, gibt es dagegen keine Regelungsmöglichkeit, weil sie zum selben Fachbereich gehören.“

Ausschluss von Fremdinvestoren

Welche Lösungsansätze sieht der Hausärzteverband? „Die Politik muss eingreifen“, fordert Semmler. Die Delegierten des Ärztetages fordern vom Gesetzgeber bis Ende 2022 eine neue Gebührenordnung für Ärzte (GOÄneu) und unterstützen den im Juni gefassten Beschluss der Gesundheitsministerkonferenz (GMK), nach dem sichergestellt werden soll, „Fremdinvestoren mit ausschließlichen Kapitalinteressen“ von der Gründung und dem Betrieb ärztlicher und zahnärztlicher Medizinischer Versorgungszentren (MVZ) auszuschließen.

In einem weiteren Beschluss forderten diese die Bayerische Staatsregierung auf, eine bedarfsorientierte Krankenhausplanung aufzustellen. Deren Umsetzung erfordere mutige und gegebenenfalls auch politisch unpopuläre Entscheidungen. „Die Mindestmengenregelungen führen zu unkoordinierten Krankenhausstrukturveränderungen, die eine bedarfsorientierte Krankenhausplanung nicht ersetzen“, so der Wortlaut des Beschlusses.

Chaos Computer Club kritisiert „Telematik“-Abzocke

Und ewig grüßt das Murmeltier: Wie bei so vielen Großprojekten in Deutschland, hat sich die Politik auch bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens von einem Quasi-Monopolisten abhängig gemacht: Von der Firma gematik, die mit der „Telematik Infrastruktur“ (TI) ein „sicheres“ Datennetz für Patientendaten wie die elektronische Patientenakte oder das e-Rezept betreibt. Für den Zugang wird in der Arztpraxis ein spezieller VPN-Router benötigt, der TI-Konnektor, der aktuell von drei zertifizierten Herstellern verkauft wird.

Nach nur fünf Jahren Laufzeit soll nun laut Hersteller ein Gerätetausch alternativlos sein. Mehrkosten für das angeschlagene Gesundheitssystem: rund 400 Millionen Euro. Der Chaos Computer Club (CCC) insistiert, dass der teure Hardware-Tausch alles andere als nötig sei – und zeigt eine kostenlose Lösung für das Problem auf. Dass ein Software-Update mit minimalem Aufwand möglich wäre, offenbarten jüngste Recherchen: Ein Hacker des CCC habe nachgewiesen, dass die auf den Konnektoren laufenden Open-Source-Komponenten mit sehr wenig Aufwand upgedated werden konnten.

Der CCC fordert deshalb das Bundesgesundheitsministerium auf, die gematik an eine kürzere Leine zu legen und appelliert an das Umweltministerium, gangbare Wege auszuloten, die völlig sinnlose, tausendfache Vernichtung einsatzfähiger Hardware zu verhindern. Wenn die gematik den technischen Support annehme und die erforderlichen Signaturen leiste, biete der CCC den Praxen und Krankenhäusern Hilfe beim Einspielen der Patches an. „Mit diesem Angebot wollen wir sicherstellen, dass bei den Herstellern nicht noch überraschend auftretende logistische Probleme die kostengünstigere Alternative verhindern“, sagt ein Vertreter des CCC augenzwinkernd.

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