Tickende Zeitbomben: Jetzt werden sie entschärft

Neustadt/WN. Bauruinen und vergiftete Böden, das hat die Bleikristallindustrie der Nachwelt und dem Steuerzahler hinterlassen. Nach Jahrzehnten des Desinteresses packt der Freistaat das Altlastenproblem an. 13 Millionen Euro bekommt der Landkreis für seine einstigen Glashochburgen Neustadt/WN und Altenstadt zur Verfügung gestellt.

Neustadts Bürgermeister Sebastian Dippold ist froh, das jetzt der Freistaat für die Altlastenentsorgung in der Kreisstadt viel Geld in die Hand nimmt. Foto: Theo Kurtz

Tausende von Beschäftigten verdienten einst im Schweiße ihres Angesichts in den Glashütten im Landkreis ihre Brötchen. Mit der Billigkonkurrenz aus Osteuropa begann der Niedergang. 1987 gingen bei Tritschler und Winterhalder die Lichter aus. Fünf Jahre später schloss Beyer und Co. die Pforten und 1995 war auch bei Hofbauer Schluss. Am Längsten über Wasser gehalten hatte man sich noch in der früheren Annahütte in Windischeschenbach. 2005 hatte man dort den Betrieb endgültig dichtgemacht.

Zurück blieben jede Menge Arbeitslose, Bauruinen und ein mit Blei und Arsen verseuchter Boden. Fast 40 Jahre lang interessierte sich die Politik kaum für diese gefährlichen Hinterlassenschaften. Dabei hatten sich in der Vergangenheit nicht weniger als drei weiß-blaue Umweltminister die Industriebrachen angesehen, darunter auch der heutige Ministerpräsident Markus Söder. Jetzt aber ist Bewegung in die Altlasten-Debatte gekommen. Konkrete Unterstützung hatte Umweltminister Thorsten Glauber bereits bei seiner Nordoberpfalz-Stippvisite vor fünf Monaten angekündigt.

13 Millionen Euro für die Standorte Neustadt/WN und Altenstadt

Vor ein paar Tagen kam aus dem Umweltministerium nun die Zusage. Dem Landkreis werden für die beiden ehemaligen Bleikristallhochburgen Neustadt/WN und Altenstadt 13 Millionen Euro überwiesen. Ein Riesenbetrag, vom dem kaum was zu sehen sein wird. Denn das Geld wird fast komplett im Boden verschwinden.

Eine ordentliche Finanzspritze, über die man sich über alle Parteigrenzen hinweg freut. Froh ist natürlich auch Kreisstadt-Bürgermeister, Sebastian Dippold, dass sich auf dem Gelände von Tritschler und Winterhalder endlich etwas bewegt. Fünfeinhalb Millionen Euro werden für die Altlastenentsorgung in Neustadt/WN bereitgestellt.

9.500 Kubikmeter verseuchter Boden wird ausgehoben

Mit dem Geld, so der Plan, sollen zwei Gebäude darunter die Säurepolieranlage zurückgebaut werden, rund 9.500 Kubikmeter kontaminierter Boden ausgehoben und anschließend mit unbelastetem Material verfüllt werden. Außerdem sollen im Umfeld der bereits entleerten Teegruben Kodensatreste und Verunreinigungen, die auf polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) zurückzuführen sind, gesichert werden.

Dass jetzt die Politik die Industriebrachen auf dem Schirm hat, hat möglicherweise auch mit der Bewerbung der Kreisstädter für die Landesgartenschau zu tun. Die Neustädter bekamen zwar einen Korb, weil mit den Gartenschaumitteln die Altlastenentsorgung nie und nimmer hätte finanziert werden können. „Aber der zuständige Fachbeirat war von dem Areal und dessen Entwicklungspotenzial begeistert“, betont der Rathauschef.

Informierte der Fachbeirat die Ministerien?

Und das Gremium hatte die Kreisstadt ermutigt weiter am Ball zu bleiben. „Das werden wir auf alle Fälle“, sagt Dippold. Was ihn trotz der Absage besonders gefreut hatte, war die Zusicherung der Gartenschauexperten, dass man die Staatsregierung und die zuständigen Ministerien über die städtebaulichen Missstände informieren werde. „Vielleicht hat das ja auch was gebracht“, vermutet er.

Dippold könnte sich das Areal einmal als tolles Freizeitgelände vorstellen. „Es führt auch der Bocklradweg vorbei, das ist doch ideal“, findet er. Und noch einen etwas verwegenen Plan hat er: Sollte es die Statik zulassen, könnte irgendwann einmal in der alten Ofenhalle Zweitbundesligabasketball gespielt werden. „Ich denke ein paar verrücke Ideen sollte oder muss man sogar haben“, meint er lächelnd und wird dann schnell wieder ganz ernst – beim Blick auf die Erblast, die die Glasindustrie der Kommune und damit dem Steuerzahler hinterlassen hat. „Ich ärgere mich massiv darüber und finde das dreist und unverantwortlich.“

Sanierung könnte bis zu 100 Millionen Euro kosten

Die 13 Millionen, die das Ministerium dem Landkreis überweist, können aber erst ein, wenn auch wichtiger Anfang sein. Schätzungen zufolge müssen insgesamt wohl rund 100 Millionen Euro zur Verfügung gestellt werden, bis die deprimierenden und giftigen Spuren der Bleikristallvergangenheit verschwunden sind.

Gemeinsam mit ihren Fraktionskollegen hatte die SPD-Palamentarierin Annette Karl im vergangenen Jahr einen Antrag in den Landtag eingebracht. Demnach sollte der Freistaat einen Altlastensonderfonds für die Ex-Bleikristallstandorte im Landkreis Neustadt/WN auflegen. Bis auf die Grünen, die sich der Stimmen enthielten, ist der sozialdemokratische Vorstoß allerdings von allen übrigen Parteien im Maximilianeum abgeschmettert worden.

Deponie in Windischeschenbach saniert

Auch in Windischeschenbach muss man mit einer Altlast leben. Vor 17 Jahren machte die Annahütte dicht. Die Stadt kommt aber bei dem Geldsegen aus dem Umweltministerium nicht zum Zug. Bürgermeister Karl-Heinz Budnik kann es verkraften. „Unsere ehemalige Glashütte ist baulich noch besser beieinander wie die Brachen in Neustadt und Altenstadt“, erläutert er. Außerdem ist die Kommune bereits vor 15 Jahren finanziell berücksichtigt worden.

Damals war für 2,5 Millionen Euro die Deponie am Nussberg, in der Neutralisationsschlämme aus der Bleikristallherstellung gebunkert worden waren, saniert worden. „Wir bleiben aber auf alle Fälle am Ball und werden uns immer wieder zu Wort melden“, betont der Rathauschef. Er könnte sich vorstellen, dass man das Hüttenareal in ein Gewerbegebiet verwandeln könnte, in dem sich kleine und mittelständische Betriebe einmal ansiedeln könnten. Für ihn ist das aber noch Zukunftsmusik. „Ich denke wird reden hier über einen Zeitraum von mindestens fünf Jahren plus x.“

Deine Meinung? Hier kommentieren!

* Diese Felder sind erforderlich.