Waldsassener Molekularbiologe: Gegen Omikron hilft nur das Boostern

Waldsassen. Die Corona-Variante Omikron neutralisiert die durch die Impfung gebildeten Antikörper. Ein Argument gegen die Impfung? Im Gegenteil: Die Booster-Impfung ist jetzt besonders wichtig, erklärt der Waldsassener Molekularbiologe und Bio-Informatiker Dr. Josef Scheiber.

Insgesamt 175 Antigen-Schnelltests wurden von den ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern des BRK-Kreisverbandes Weiden-Neustadt an den drei Standorten über die Weihnachtstage durchgeführt. Foto: LRA Neustadt/WN, Klaus Lotter

Nein, es ist keine Überraschung. Die führenden Virologen und Epidemologen hatten immer wieder davor gewarnt: „Solange nicht die gesamte Weltbevölkerung ausreichenden Impfschutz genießt, werden neue Corona-Varianten entstehen“, hatte etwa die Virologin Sandra Ciesek gebetsmühlenartig in ihrem Podcast wiederholt. 

Sie appellierte eindringlich an die Politik, auch ärmeren Ländern Impfstoff zugänglich zu machen. Keinesfalls nur aus reinem Altruismus: Ansonsten schwappe die nächste Pandemie-Welle wie ein Boomerang zurück nach Europa. 

Omikron könnte im Januar dominieren

Schon jetzt steigt die Zahl der In Europa bestätigten Omikron-Fälle rasant an: 1000 in Norwegen, je 3000 in Dänemark und Großbritannien – In London sind bereits 40 Prozent der Neuerkrankungen auf die neue Variante zurückzuführen. Experten gehen davon aus, dass Omikron Delta bald verdrängt, zumal sich die Zahl der Fälle alle drei bis vier Tage verdopple. Virologe Christian Drosten geht davon aus, dass die neue Variante schon im Januar auch hierzulande dominieren wird. 

Die Virologin Sandra Ciesek vom Universitätsklinikum Frankfurt veröffentlichte erste Ergebnisse auf Twitter, die eine deutlich reduzierte Antikörper-Antwort auf die neue Variante zeigen: „Die Daten bestärken, dass die Entwicklung eines an Omikron angepassten Impfstoffs sinnvoll ist.“ Nach momentaner Forschungslage steht fest:

  • Zweifachimpfung reicht nicht aus: Wer zweimal mit Biontech, Moderna oder mit Astrazeneca und Biontech kreuzgeimpft ist, hat nach sechs Monaten keinerlei Immunschutz durch die Impf-Antikörper mehr.
     
  • Impfung schützt vermutlich gegen schweren Verlauf: „Der Impfschutz beruht aber nicht nur auf Antikörpern“, sagt Molekularbiologe Dr. Josef Scheiber, „sondern auch auf T-Zellen. Man könne deshalb davon ausgehen, dass der Schutz vor schwerer Erkrankung auch bei Omikron vergleichsweise hoch ist.
     
  • Genesene nicht gegen Reinfektion geschützt: „Wir denken, dass eine vorherige Infektion nicht gegen Omikron schützt“, sagt die Infektiologin Anne von Gottberg vom NICD in Südafrika. 
     
  • Vermehrt schwere Verläufe bei Ungeimpften: Dass Omikron bisher im Vergleich zu Delta eher milde Verläufe verursacht, lasse keine Schlüsse für Europa zu. Die Bevölkerung in Südafrika sei viel jünger, und viele der Omikron-Infizierten hatten bereits eine Infektion durchgemacht. Für Ungeimpfte könnte die Variante daher eine größere Gefahr darstellen als Delta. 
     
  • Gefährlich, weil viel ansteckender: „Corona-Varianten, die viel ansteckender sind, töten deutlich mehr Menschen als tödlichere, die sich nicht schnell ausbreiten“, kommentiert Gesundheitsminister Karl Lauterbach eine entsprechende Modellrechnung.

„Nicht warten, sondern boostern“

Daraus schlussfolgert Christian Drosten: „Sieht nicht gut aus für zweimal Geimpfte. Dritte Dosis erforderlich.“ Eine Dreifachimpfung sei der beste Schutz. Neue Impfstoffe würden erst nach der Winterwelle verfügbar sein, deshalb gelte: „Nicht warten, sondern boostern.“

Eine Handlungsempfehlung, die auch Dr. Scheiber unterstreicht: „Bei vielen Menschen ist die Zweitimpfung relativ lange her.“ Die Antikörper-Antwort würde bereits nach fünf Monaten stark abfallen. „Ich bin selber auch geboostert, wenn dann ein ähnliches Virus daher kommt, kann der Körper schnell reagieren.“ 

Auffrischung wie bei Grippe-Impfung

Biontech-Gründer Uğur Şahin spricht sich sogar für eine Auffrischungsimpfung bereits ab drei Monaten nach der Zweitimpfung aus. „Mit Blick auf Omikron sind zwei Dosen noch keine abgeschlossene Impfung mit ausreichendem Schutz“, sagte Şahin im Interview mit dem Spiegel. 

Trotz der bisher festgestellten, eher milderen Verläufe bei Omikron müsse man die höhere Hospitalisierungsrate auch von Kindern und Jugendlichen sehr ernst nehmen: „Es ist schon eine Variante, die deutliche Unterschiede aufweist“, sagt Scheiber. Das sei wie bei der Grippe. „Wenn jemand vor zwei Jahren eine hatte, ist ohne Auffrischung eine Reinfektion auch nicht zu vermeiden.“

Herzmuskelentzündung durch Corona wahrscheinlicher

Solange das Virus weltweit zirkuliert, werde es auch weitere Varianten geben. „Es verteilt sich in unserer globalisierten Welt sehr schnell.“ Man habe das bei Masern und  Pocken gesehen, sagt Scheiber: „Das beste Mittel, um eine Pandemie in den Griff zu bekommen, ist das Virus überall so weit wie möglich zurückzudrängen.“ Er sei aber optimistisch, dass man die Pandemie mit immer besseren Impfquoten eindämmen könne. 

„Auch die medikamentöse Behandlung wird immer besser“, sagt der Bio-Informatiker. „Man sieht jetzt schon Effekte – das ist ein anderer Weg, das Virus zu kontrollieren.“ An Impfskeptiker gerichtet argumentiert Scheiber: „Es kann keine Langzeitwirkung einer Impfung geben, sie wird im Körper innerhalb von Tagen abgebaut.“ Die äußerst seltene Nebenwirkung einer Herzmuskelentzündung bei männlichen Jugendlichen stehe in keinem Verhältnis zum Risiko, sich nach einer Corona-Infektion eine Myokarditis zuzuziehen: „Mehr als ein doppelt so hohes Risiko“ bescheinigt eine israelische Studie Corona-Patienten.

Dauerwelle oder endemisch?

„Sie werden ansteckender, aber harmloser.“ Das sei der normale Entwicklungsprozess aller Viren, sagt Scheiber. „Ihr biologisches Programm will den Wirt ja nicht umbringen.“ Sie würden mit der Zeit endemisch, das heißt, sie bleiben in einem begrenzten Gebiet präsent, zeigten aber keine so große Wirkung mehr. „Wie wir das auch bei der Spanischen Grippe beobachten konnten.“ Das bedeute, dass wir mit dem Virus zu leben lernen müssen. Gerade bei mRNA-Impfstoffen sei die Anpassung an neue Varianten relativ einfach: „Das wird künftig auch schneller gehen.“ 

Wahrscheinlich brauche es aber noch eine ganze Zeit jährliche Auffrischungsimpfungen vor allem für vulnerable Gruppen. „Die Maske wird uns noch lange begleiten“, denkt der Mikrobiologe, „wie das in Asien bereits weit verbreitet ist.“ Das habe aber auch Vorteile: „Es gibt spannende Studien, dass dadurch andere Infektionskrankheiten vermieden werden.“ Zwei der vier häufigsten Grippeviren könnten seit 18 Monaten nicht mehr nachgewiesen werden. „Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs waren Infektionskrankheiten die häufigste Todesart.“

Schwache Kommunikation, schwache Impfquote

Dass es in Deutschland anders als in anderen europäischen Ländern eine vergleichsweise schwache Impfquote gebe, sei zum Teil auch hausgemacht: „Dass Jens Spahn verlautbarte, ,Moderna muss weg‘, statt zu sagen, ,wir erhöhen die Impfgeschwindigkeit und haben zum Glück noch Reserven von dem sehr guten Moderna-Impfstoff‘, war ein PR-Desaster“, kritisiert der Waldsassener Mikrobiologe  Dr. Josef Scheiber.  

Er selbst sei von Anfang an von der Wirksamkeit der Impfstoffe begeistert gewesen: „Die Werte waren praktisch von allen gigantisch gut“, sagt Scheiber, „ich habe mir gesagt, ich nehme den, den ich als erstes kriege.“ Die Skepsis könne er rational nur schwer nachvollziehen. „Impfungen haben die meisten Leben weltweit gerettet – und die Corona-Impfstoffe sind mittlerweile milliardenfach getestet.“ Die Furcht vor mRNA basiere auf Unwissenheit: „Das hat jeder im Körper“, erklärt er, „es ist cool, wie wirksam und überlegen gegenüber älteren Technologien die sind.“ 

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