Wenn junge Künstler Geschichte für junge Menschen zeichnen

Bärnau/Paulusbrunn. Die Geschichte eines verschwundenen Dorfes als Comic? Geht das? Dass dies geht, wollen bayerische und tschechische Kunststudierende beweisen.

Spurensuche im Böhmischen Wald heißt ein grenzüberschreitendes Projekt der Via Carolina - Goldene Straße e.V. und der MAS Zlatá cesta in Tachov, mit dem man die Geschichte des ehemals geteilten Gebiets bewusst machen will. Tschechische und deutsche Kunststudenten nehmen darin einen besonderen Part ein. Rainer Christoph führte sie durch das ehemalige Paulusbrunn. Fotos: Udo Fürst
Spurensuche im Böhmischen Wald heißt ein grenzüberschreitendes Projekt der Via Carolina – Goldene Straße e.V. und der MAS Zlatá cesta in Tachov, mit dem man die Geschichte des ehemals geteilten Gebiets bewusst machen will. Tschechische und deutsche Kunststudenten nehmen darin einen besonderen Part ein. Rainer Christoph führte sie durch das ehemalige Paulusbrunn. Fotos: Udo Fürst
Spurensuche im Böhmischen Wald heißt ein grenzüberschreitendes Projekt des Geschichtsparks Bärnau/Tachov und des Fördervereins Goldene Straße, mit dem man die Geschichte des ehemals geteilten Gebiets bewusst machen will. Tschechische und deutsche Kunststudenten nehmen darin einen besonderen Part ein. Rainer Christoph führte sie durch das ehemalige Paulusbrunn. Fotos: Udo Fürst
Spurensuche im Böhmischen Wald heißt ein grenzüberschreitendes Projekt des Geschichtsparks Bärnau/Tachov und des Fördervereins Goldene Straße, mit dem man die Geschichte des ehemals geteilten Gebiets bewusst machen will. Tschechische und deutsche Kunststudenten nehmen darin einen besonderen Part ein. Rainer Christoph führte sie durch das ehemalige Paulusbrunn. Fotos: Udo Fürst
Der Friedhof von Paulusbrunn ist Dank einiger Helfer noch gut erhalten. Foto: Udo Fürst
Der Friedhof von Paulusbrunn ist Dank einiger Helfer noch gut erhalten. Foto: Udo Fürst
Anna Plobner, Berta Spanner und Ferdinand Zwerenz wurden einst als Kinder aus Paulusbrunn vertrieben. Heute pflegen sie den alten Friedhof im mittlerweile verschwundenen Ort unmittelbar an der deutsch-tschechischen Grenze. Fotos: Udo Fürst
Anna Plobner, Berta Spanner und Ferdinand Zwerenz wurden einst als Kinder aus Paulusbrunn vertrieben. Heute pflegen sie den alten Friedhof im mittlerweile verschwundenen Ort unmittelbar an der deutsch-tschechischen Grenze. Fotos: Udo Fürst
Udo Fürst
Udo Fürst
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Udo Fürst

Es ist eine lehrreiche, beeindruckende und manchmal bedrückende Exkursion, der sich die jungen Kunststudierenden an der deutsch-tschechischen Grenze angeschlossen haben. Nicht nur der über den Grenzkamm pfeifende “Böhmische” lässt die Teilnehmer frösteln. Auch die spannenden und oft traurig-schaurigen Erzählungen des Historikers Rainer Christoph jagen eisige Schauer über den Rücken. Warum das so ist, dazu später mehr.

Besondere Völkerverständigung

Die Studierenden der Universitäten Prag, Pilsen, Regensburg und Zlin wollen eine besondere Art der Völkerverständigung betreiben. Sie werden Comics zeichnen und illustrieren, in denen sie die wichtigsten Meilensteine in der Geschichte des verschwundenen Dorfes Paulusbrunn (Pavlův Studenec), verständlich und jugendgerecht vorstellen wollen. “Dieses Medium wurde gewählt, weil die Publikation, die an weiterführende Schulen in Tschechien und Bayern verteilt werden soll, der Zielgruppe als Comic-Format am verständlichsten erscheint”, erläutert Vaclav Vrbik vom Archaeo-Centrum Bayern-Böhmen in Bärnau. Die Publikation werde danach von einer zweisprachigen Wanderausstellung begleitet. 

Geschichte bewusst machen

Die Comics sind Teil des durch das Programm “Ziel EU ETZ Freistaat Bayern-Tschechische Republik” geförderten Projekts “Spurensuche im Böhmischen Wald”. Durchgeführt wird es von den Leadpartnern MAS Zlata cesta in Tachov und der Via Carolina – Goldene Straße e.V. Projektleiterin ist Petra Musilová Seidlová, unterstützt von Vaclav Vrbik und Rainer Christoph vom Förderverein “Via Carolina – Goldene Straße”. Christoph ist außerdem Sprecher der AG Paulusbrunn. Ziel des Projekts ist es, die Attraktivität des ehemals durch den Eisernen Vorhang geteilten Gebiets weiter zu steigern, den Menschen die Geschichte des Ortes bewusst zu machen, das Bewusstsein für historische Ereignisse zu schärfen und den pädagogischen Wert auf unterhaltsame Weise zu erfüllen.

Historischer Fußabdruck

Als Teil des Projekts wurden in den vergangenen Jahren im Böhmischen und Oberpfälzer Wald viele interessante Ziele zugänglich gemacht, restauriert und neu gebaut. Es ist ein Gebiet von hohem ökologischem Wert und Teil des sogenannten “grünen Bandes Europas”. Gleichzeitig ist das Territorium der zwei Nachbarländer durch die historische Goldene Straße, die von Prag nach Nürnberg führte, miteinander verbunden. “Wir wollen diesen gemeinsamen Kultur- und Naturraum nutzen, indem wir den historischen Fußabdruck des Gebiets wiederbeleben”, sagt Petra Musilová.

In die Falle gelockt

Wie viele ihrer Kolleginnen und Kollegen steht Katerina Vanova, die in Regensburg lebende tschechische Künstlerin, still und ehrfürchtig vor den Gräbern auf dem Friedhof von Paulusbrunn, dem einzigen Überbleibsel der vor dem Krieg fast 1500 meist deutschstämmige Einwohner zählenden Ortschaft. “Hier ruht unsere gute Mutter. Marie Eckert, gest. am 27. Januar 1929 im 52. Lebensjahr” steht auf dem Emailleschild an dem noch erstaunlich gut erhaltenen Grabstein. Sie ist wohl eines natürlichen Todes gestorben, kann man annehmen. Dass dies nicht bei allen hier Begrabenen der Fall ist, davon kann Rainer Christoph erzählen.

Die Geschichte von dem jungen Mann zum Beispiel, der kurz nach dem Krieg in den Westen fliehen wollte. Ein tschechischer Grenzwächter hat ihn aber zunächst in eine Falle gelockt und dann erschossen. Oder von den drei Buben, die 1945 beim Versuch getötet wurden, eine Munitionskiste zu öffnen. Sie alle liegen hier begraben, neben älteren und nicht so alten Frauen und Männern, deren Namen nur noch teilweise zu lesen sind auf den meist verwitterten Grabsteinen und Schildern.

Drei Zeitzeugen

Der Friedhof – vor Jahren genauso eingeebnet wie das ganze Dorf, aber heute wieder sehr schön restauriert – wirkt trotz seiner verfallenen Gräber sehr gepflegt. Dafür verantwortlich sind drei Zeitzeugen, die in Paulusbrunn geboren sind und dort noch einige Jahre als Kinder gelebt haben: Ferdinand Zwerenz, Anna Plobner und Berta Spanner, alle schon über 90 Jahre alt. Fast täglich kommen die heute in Bärnau lebenden Senioren in ihre einstige Heimat, um das, was davon übrige geblieben ist, zu hegen und zu pflegen. Freundlich begrüßt sie Rainer Christoph: “Ich hab mir schon gedacht, dass du hier bist, Ferdl”, sagt der Historiker. Man kennt sich seit Jahren, schätzt und respektiert sich.

Viele Gasthäuser

Kurz vorher hat Rainer Christoph den jungen Studierenden die Geschichte der einst weitverzweigten Streusiedlung Paulusbrunn mit seinen damals 249 Häusern und zahlreichen Ortsteilen näher gebracht. Hat ihnen erzählt, dass hier meist arme Leute lebten, die oft nicht wussten, wie sie den nächsten Winter überstehen sollten. Dennoch gab es aber auch Geschäfte, eine Schule, eine Kirche und – natürlich – mehrere Gasthäuser. Trotz ihrer Armut haben die Paulusbrunner es stets verstanden, zu feiern. Das Schaffest zum Beispiel, weiß der Historiker.

Und der pensionierte Rektor erläutert die Geschichte der 122 Jahre alten Böttgersäule, die aufwendig restauriert und 2017 wieder eingeweiht wurde. “Sie ist ein Mahnmal dafür ist, dass hier früher Menschen gelebt haben in einer Landschaft voller Erinnerungen, die heute so verlassen ist. Und sie steht in der Mitte der Goldenen Straße, am geografischen Mittelpunkt Europas und an der europäischen Wasserscheide.” Der Granitstein dieses Denkmals habe die Menschen jenseits und diesseits der Grenze geprägt.

Die Böttgersäule

Die Böttgersäule hieß früher “Noatstoa”. Der Notstand der Bevölkerung in den grenznahen Gemeinden machte 1892/1893 Subventionen für den Straßenbau erforderlich. Dr. Josef Böttger, Bezirksobmann von Tachau, war dabei die treibende Kraft. Bereits zuvor engagierte er sich für den Bau der Bahnlinie Planá nach Tachau und gab die Initiative für den Bau der Tabakfabrik in Tachov. Böttger war Mitarbeiter des Fürsten Alfred III. Windischgrätz, der von 1893 bis 1895 Ministerpräsident von Österreich und Böhmen, danach Vizepräsident und von 1897 bis 1918 Präsident des Herrenhauses (Bundesrat) in Wien war.

Die Säule ist auf der tschechischen Seite das einzige verbliebene Baudenkmal, das zwei Weltkriege, die kommunistische Ära und die Aufräumung des Grenzstreifens überstanden hat. Die Erinnerung an Dr. Böttger und Fürst Windischgrätz mit ihren Verdiensten um Tachau und die Grenzregion ist bei der Säule mit Fotos und Informationen mehrsprachig zugänglich gemacht.

Geschichte und Geschichten

Wehmut befällt den Beobachter an diesem Ort und eine Art stille Trauer. Man kann sich kaum vorstellen, dass hier, wo heute der Wind nur noch über kahle Wiesen und ungepflegte Felder weht, einst das dörfliche Leben pulsierte. Dass es dennoch so war, wollen die Studierenden in ihren Comics darstellen. Sie werden sozusagen Geschichte und Geschichten zeichnen. Rainer Christoph ist überzeugt: “Das ist eine klasse Sache. Junge Künstlerinnen und Künstler begeistern junge Menschen mit einer etwas anderen Art, Geschichte interessant und kurzweilig aufzubereiten.”

26 verschwundene Dörfer

Im deutsch-tschechischen Grenzgebiet werden 26 verschwundene Dörfer im Gelände markiert. Jeder Ort wird mit einem Schild gekennzeichnet, ähnlich der derzeitigen Kennzeichnung von Städten und Dörfern. Gleichzeitig werden Informationstafeln und Ruhebänke aufgestellt. Als Teil des Projekts ist die Erstellung einer Karte der verschwundenen Dörfer, einer Begleitbroschüre und eines Informationsblatts geplant. 

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