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Büchersommer 2022: Ein Buch wie eine Handgranate

Nordoberpfalz. In den USA wird am 9. August der "National Book Lovers Day" gefeiert. Das ist doch Grund genug, unseren persönlichen Lesesommer mit persönlichen Buchtipps aus der Redaktion zu starten. Den Anfang macht die tiefschwarzen Satire RCE von Sibylle Berg.

Am 9. August ist in den USA der „National Book Lovers Day“, ein Titel, der schön zu übersetzen ist und nicht nur die passionierten Bücherwürmer anspricht. Lesen geht schließlich immer und im Herzen sind wir (hoffentlich) alle „Bücherliebhaber“.

Auch bei den Kolleginnen und Kollegen unserer Redaktion liegen natürlich zahlreiche Werke, Schmöker und Geheimtipps auf dem (virtuellen) Nachtkästchen. In den kommenden Wochen wollen wir deshalb regelmäßig ganz persönliche Empfehlungen aussprechen – frei von Betrachtungen mit spitzen Fingern, literarisch-intellektuellem Sezieren und hochgeistigen Exkursen.

Und bitte denken Sie immer daran: Lesen macht schön, schlank und sexy!

Klassische Abmoderation von Literaturkritiker Denis Scheck

Wir möchten einfach ganz persönliche Empfehlung abgeben, was einem im Sommer am Pool, im Urlaub oder auch ganz gemütlich zu Hause gefallen könnte. Also lasst uns einfach über Bücher sprechen. Mein erster Tipp sieht nett und harmlos aus – ist es aber nicht. Ist ein krasses Teil.

RCE, Sibylle Berg, Kiepenheuer und Witsch

Dieses Werk ist herrlich pink, schön gebunden und auch massiv, kurz gesagt ein echtes Buch. Mit einer entsprechenden Mischung aus Mitleid und Ratlosigkeit werde ich im überfüllten Zug angesehen, wenn ich es lese, statt wie es eigentlich Usus ist, eine halbe Stunde grenzdebil ins Handy zu starren. An diesem Punkt setzt das Buch an.

Schon der erste Teil schlug voll ein

Mit RCE setzt die Autorin Sibylle Berg ihr Werk „GRM Brainfuck“ fort, über das Berg-Nichtfan Elke Heidenreich einmal anerkennend sagte: „Das zu lesen ist, wie wenn man eine Handgranate verschluckt hat.“

Sibylle Berg kennt auch in der Fortsetzung keine Gnade, sie dreht nur die Uhr etwas weiter vor. Im Buch breitet sich eine Welt aus, in der der Kapitalismus alternativlos geworden ist. Das beste aller Systeme hat wenigen zu absurdem Reichtum verholfen und sehr vielen ein menschenwürdiges Dasein genommen. Die Krise ist der Normalzustand, Ausbeutung heißt jetzt beispielsweise nicht mehr „Kolonialismus“, sondern „Förderung strukturschwacher Länder“. Die Lage scheint ausweglos, aber in einem abhörsicheren Container brennt noch Licht. Fünf Hacker programmieren dort die Weltrettung.

Gnadenlos, originell und witzig

Die tiefschwarze Endzeitsatire lässt wenig Hoffnung auf ein Happy End, noch weniger auf ein analoges Paradies. Trotzdem ist RCE so witzig und originell, dass ich mitunter laut loslachen könnte. Wenn ich könnte, denn das verhindert die Tatsache, dass ich im Zug inmitten des von ihr beschriebenen Szenarios sitze: Menschen, die sich in der digitalen Welt ständig selbst optimieren und deren Leben durch ihre Rankings in den sozialen Netzwerken bewertet wird. Eine Moral muss sich dann jeder selbst ausdenken – am besten noch bevor das ein Algorithmus übernimmt.

Sibylle Berg

Sibylle Berg (60) lebt in Zürich. Ihr Werk umfasst 27 Theaterstücke, 15 Bücher und wurde in 34 Sprachen übersetzt. Sie erhielt diverse Preise und Auszeichnungen wie den Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor, den Nestroy-Preis, den Schweizer Buchpreis, den Grand Prix Literatur, den Bertold-Brecht-Preis und den Johann-Peter-Hebel-Preis. (Quelle: Kiepenheuer & Witsch)

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